Berlin, Konzerthaus: STRAWINSKY, TSCHAIKOWSKY, SCHOSTAKOWITSCH, 29.09.2017 

Berlin, Konzerthaus: STRAWINSKY, TSCHAIKOWSKY, SCHOSTAKOWITSCH, 29.09.2017

Werke: Igor Strawinsky FUNERAL SONG | Uraufführung: 17. Januar 1909 in St.Petersburg | Pjotr Ilitsch Tschaikowsky: Klavierkonzert Nr. 1 in b-Moll | Uraufführung: | Dmitri Schostakowitsch: Sinfonie Nr. 11 (Das Jahr 1905) | Uraufführung: 30. Oktober 1957 in Moskau | Dieses Konzert in Berlin: 29.9. und 30.9.2017

Dmitri Schostakowitsch (1906-1975)

Kritik: folgt am 30.9. ab 18 Uhr an dieser Stelle

Werke:

Igor Strawinsky (1882 – 1971) widmete das ungefähr 12 Minuten dauernde „Trauerlied“ seinem Lehrer und „zweiten Vater“ Nikolai Rimski-Korsakow, der 1908 starb. Über hundert Jahre lang galt die Partitur als verschollen, bis sie 2015 im Archiv des Konservatoriums St.Petersburg wiederentdeckt wurde. Die erste Aufführung nach über 100 Jahren des hoch interessanten Werks, welches an der Schwelle zu Strwinskys erstem Welterfolg - DER FEUERVOGEL – entstanden war, leitete Valery Gergiew. Strawinsky selbst bezeichnete die Komposition als sein bestes und in der ausgefeilten Chromatik am weitesten fortgeschrittene Werk vor dem FEUERVOGEL.

Pjotr Iljitsch Tschaikowsky (1840-1893) komponierte sein erstes (und mit Abstand beliebtestes Klavierkonzert) im Jahre 1874. Ursprünglich wollte er es seinem Mentor Nikolai Rubinstein widmen, doch der bezeichnete die Komposition als armselig, vulgär, wertlos, unspielbar. Daraufhin schickte Tschaikowsky das Konzert an Hans von Bülow und bat um sein Urteil. Der befand es als hinreissend in jeder Hinsicht. Und das ist es tatsächlich. Bis heute verfehlt das Schlachtross unter den Klavierkonzerten der Romantik und Spätromantik seine mitreissende Wirkung nie. Bereits der Beginn ist von einer effektvollen, unnachahmlichen Wucht, quasi ein elementares Ereignis. Die Melodie des Orchesters wird vom Klavier mit sich über die gesamte Tastatur erstreckenden Akkorden begleitet. Das Hauptthema, welches dann in b-Moll gehalten ist, erinnert an ein ukriainisches Volkslied. Der zweite Satz beginnt mit einer melancholischen Melodie der Querflöte, welche das Thema des ukrainischen Voksliedes wieder aufnimmt. In der Mitte dieses Satzes wird ein damals bekanntes französisches Chanson (Il faut s' amuser, danser et rire) schnell dahinrauschend verarbeitet. Der dritte Satz, in der Form eines fulminanten Rondos, verlangt viel Tastenakrobatik vom Pianisten, so viel, dass dieser Satz meist in der von Alexander Siloti gekürzten Fassung aufgeführt wird.

Rubinstein hat übrigens seine vernichtenden Worte später bedauert und das Konzert sogar selbst aufgeführt.

Berühmt wurde die Aufnahme mit dem blutjungen Pianisten Van Cliburn von 1961. Dies war die erste Schallplatte aus dem Bereich der klassischen Musik, welche sich über eine Million Mal verkaufte.

Dmitri Schostakowitsch (1906-1975) gelang mit seiner 11. Sinfonie die Rehabilitierung als Komponist in der UdSSR, nachdem er unter Stalin (wegen des wahrscheinlich von Stalin selbst verfassten legendären Artikels in der PRAWDA von 1936) 20 Jahre lang von der offiziellen Seite geschnitten und in seiner Reisefreiheit eingeschränkt worden war). Der Untertitel des Sinfonie (Das Jahr 1905) bezieht sich auf den Petersburger Blutsonntag, als die Garden des Zaren auf einfache Menschen schossen, welche dem Zaren eine Bittschrift überbringen wollten. Die anschliessenden Unruhen kosteten über 1000 Menschenleben. Einige Musikwissenschaftler sehen in der Sinfonie auch eine Verarbeitung des Aufstandes in Ungarn von 1956 oder ein Requiem auf eine verlorene Generation, welche die Schrecken der Stalinherrschaft erdulden musste. Die Sinfonie beginnt mit getragenen Akkorden und Blechfanfaren aus weiter Ferne, die (auch emotionale) Kälte des Januartages auf dem Palasthof ist spür- und hörbar. Der zweite Satz beschreibt das hektische Voranschreiten der Menge, welche ihrer Unzufriedenheit über Korruption, Mangel und Misswirtschaft Ausdruck gibt. Dann geht die Garde mit burtaler Gewalt gegen die Demonstranten vor, Gewehrsalven werden hörbar, marschartige Rhythmen, Gilssandi, Panik dominieren diesen zweiten Teil. Das Adagio des dritten Satzes stellt ein Lamento dar, einen Trauermasch, den Opfern gewidmet. Im vierten Satz erklingen wieder die marschartigen Rhythmen, versinken in den ruhigen Beginn des ersten Satzes, bäumen sich wieder auf, g-Moll und G-Dur kämpfen gegeneinader, reiben sich, keine Seite gewinnt.

Schostakowitschs 11. Sinfonie wurde oft mit Filmmusik verglichen, die vier Sätze gehen pausenlos ineinader über, die musikalische Beschreibung der Stimmungen ist grandios umgesetzt und wie immer bei Schostakowitsch glänzend instrumentiert. Seine 11. stellte den grössten Erfolg des Komponisten seit der 7. Sinfonie dar.

Karten

Für oper-aktuell: Kaspar Sannemann, den 29. September 2017 Gelesen: 70

Kategorie: Schostakowitsch 11. Sinfonie
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