Berlin, Konzerthaus: STRAWINSKY, TSCHAIKOWSKY, SCHOSTAKOWITSCH, 29.09.2017 

Berlin, Konzerthaus: STRAWINSKY, TSCHAIKOWSKY, SCHOSTAKOWITSCH, 29.09.2017

Werke: Igor Strawinsky FUNERAL SONG | Uraufführung: 17. Januar 1909 in St.Petersburg | Pjotr Ilitsch Tschaikowsky: Klavierkonzert Nr. 1 in b-Moll | Uraufführung: | Dmitri Schostakowitsch: Sinfonie Nr. 11 (Das Jahr 1905) | Uraufführung: 30. Oktober 1957 in Moskau | Dieses Konzert in Berlin: 29.9. und 30.9.2017

Dmitri Schostakowitsch (1906-1975)

Konzerthaus Berlin: Bild K. Sannemann 29.9.17

Kritik:

 

Drei  Werke russischer Komponisten, entstanden zwischen 1874 und 1956, standen auf dem Programm des Konzerthausorchesters Berlin an diesem Abend. Am Pult stand mit Andrey Boreyko ein für seine innovativen Programmgestaltungen mehrfach ausgezeichneter Dirigent, als Solistin hatte man die zur Zeit mit Superlativen von Seiten des Publikums und der Kritik gefeierte Klaviervirtuosin Anna Vinnitskaya eingeladen. Und tatsächlich, sie blieb Tschaikowskys "Schlachtross" nichts an Brillanz und atemberaubender Virtuosität schuldig, stieg mit vor Erregung bebenden, vollgriffigen Akkorden in die berühmten Eröffnungstakte ein, raste mit horrenden Tempi durch die Prestissimo-Passagen, malte aber auch mit feinem Pinselstrich im ersten Teil des Andantino, ohne je allzu romantisierend kitschig zu wirken. Dazu hätte ihr auch der Dirigent Andrey Boreyko kaum Hand geboten, denn er bevorzugte es, das Vorwärtsdrängende, manchmal leicht Ungestüme des Werks herauszuheben, was insgesamt zu einer leicht herben Färbung von Tschaikowskys wohl bekanntesten Solistenkonzert führte. Ab und an hatte man den Eindruck, Anna Vinnitskaya fühle sich wie ein vor Energie überschäumendes Fohlen, das nur darauf wartete, die Koppel verlassen zu dürfen, um in Freiheit drauflos galoppieren zu können. Nach dem fulminanten Ritt bedankte sie sich dann für den stürmischen Applaus mit einer schlichten, intimen und liedhaften Zugabe. 

Zu Beginn des Konzerts erlebte man Strawinskys über hundert Jahre nach der Uraufführung wieder entdeckte Trauermusik FUNERAL SONG (komponiert anlässlich des Todes seines Lehrers und väterlichen Freundes Rimsky-Korsakow) - gut, dass man Archive ab und an aufräumt, denn diese Komposition für grosses, romantisches Orchester ist wahrlich eine Trouvaille. Wellenartig erhebt sich über dem Grummeln der tiefen Orchesterinstrumente der Trauergesang, steigert sich zu spannungsgeladener Expressivität, versinkt wieder, nur um erneut heranzurollen. Man hört in diesem Frühwerk (op.5) bereits Anklänge an die geheimnisvolle Atmosphäre seines Balletts DER FEUERVOGEL, aber auch eine Reminiszenz an Siegfrieds Tod aus Wagners GÖTTERDÄMMERUNG (obwohl der reife Strawinskys sich später dann sehr kritisch und spöttisch über Wagner geäussert hatte). Grossartig spielte auch hier das Konzerthausorchster Berlin, exzellent intonierte das Hornquartett.

Mit Schostakowitschs elfter Sinfonie folgte nach der Pause ein aufwühlendes, auch krasses Eintauchen ins Leiden der Unterdrückten. Schostakowitsch erzählt darin die brutalen Vorgänge vor dem Winterpalais des Zaren im Januar 1905, als Tausende von Bittstellern von den Garden gnadenlos niedergeschossen wurden. Die unheimliche, spannungsgeladene Eiseskälte des ersten Satzes intoniert das Konzerthausorchester  Berlin mit eindringlich fahlem Streichergewebe, die Schläge der Pauke, eine einsame Trompete und das Solohorn sorgen für zum Zerreissen gespannte Stimmung, man spürt beinahe körperlich, wie der angestaute Volkszorn kaum mehr im Zaum gehalten werden kann - ein Beispiel dafür, was Musik alles kann, welch einen Reichtum an Emotionen sie zu evozieren vermag. Wenn dann die Situation im zweiten Satz eskaliert, in die angespannte Atmosphäre hinein die Gewehrsalven mit gleissender Brutalität donnern, dann reisst das beinahe vom Sitz. Auch wenn man die Texte von all den von Schostakowitsch zitierten Volksliedern nicht kennt, man erahnt deren gedankliches Fundament durch die Kraft der musikalische Sprache und der unnachahmlichen Orchestrierungskunst Schostakowitschs. Die erschütternde Klage (und Anklage) über die Opfer im Trauermarsch des dritten Satzes geht genauso unter die Haut wie der aufwühlende Finalsatz. Auch hier schreiten Dirigent und das mit überragender Intensität spielende Konzerthausorchester zügig voran, setzen klare Akzente, heben zentrale Themen prominent hervor, betten sie in einen unerbittlichen Fluss ein, packend und bewegend zum finalen Sturmgeläute zielend, schwankend zwischen Hoffnung und Resignation - kein Jubel in Dur steht am Ende dieses gewichtigen Werks, sondern die Klage des Englischhorns als Schlusspunkt. Damit öffnet Schostakowitsch den Horizont weit über die konkrete Überschrift seiner Sinfonie hinaus, stellt Fragen nach dem Warum des sich leider immer wiederholenden Unrechts und Leidens. 

Werke:

Igor Strawinsky (1882 – 1971) widmete das ungefähr 12 Minuten dauernde „Trauerlied“ seinem Lehrer und „zweiten Vater“ Nikolai Rimski-Korsakow, der 1908 starb. Über hundert Jahre lang galt die Partitur als verschollen, bis sie 2015 im Archiv des Konservatoriums St.Petersburg wiederentdeckt wurde. Die erste Aufführung nach über 100 Jahren des hoch interessanten Werks, welches an der Schwelle zu Strwinskys erstem Welterfolg - DER FEUERVOGEL – entstanden war, leitete Valery Gergiew. Strawinsky selbst bezeichnete die Komposition als sein bestes und in der ausgefeilten Chromatik am weitesten fortgeschrittene Werk vor dem FEUERVOGEL.

Pjotr Iljitsch Tschaikowsky (1840-1893) komponierte sein erstes (und mit Abstand beliebtestes Klavierkonzert) im Jahre 1874. Ursprünglich wollte er es seinem Mentor Nikolai Rubinstein widmen, doch der bezeichnete die Komposition als armselig, vulgär, wertlos, unspielbar. Daraufhin schickte Tschaikowsky das Konzert an Hans von Bülow und bat um sein Urteil. Der befand es als hinreissend in jeder Hinsicht. Und das ist es tatsächlich. Bis heute verfehlt das Schlachtross unter den Klavierkonzerten der Romantik und Spätromantik seine mitreissende Wirkung nie. Bereits der Beginn ist von einer effektvollen, unnachahmlichen Wucht, quasi ein elementares Ereignis. Die Melodie des Orchesters wird vom Klavier mit sich über die gesamte Tastatur erstreckenden Akkorden begleitet. Das Hauptthema, welches dann in b-Moll gehalten ist, erinnert an ein ukriainisches Volkslied. Der zweite Satz beginnt mit einer melancholischen Melodie der Querflöte, welche das Thema des ukrainischen Voksliedes wieder aufnimmt. In der Mitte dieses Satzes wird ein damals bekanntes französisches Chanson (Il faut s' amuser, danser et rire) schnell dahinrauschend verarbeitet. Der dritte Satz, in der Form eines fulminanten Rondos, verlangt viel Tastenakrobatik vom Pianisten, so viel, dass dieser Satz meist in der von Alexander Siloti gekürzten Fassung aufgeführt wird.

Rubinstein hat übrigens seine vernichtenden Worte später bedauert und das Konzert sogar selbst aufgeführt.

Berühmt wurde die Aufnahme mit dem blutjungen Pianisten Van Cliburn von 1961. Dies war die erste Schallplatte aus dem Bereich der klassischen Musik, welche sich über eine Million Mal verkaufte.

Dmitri Schostakowitsch (1906-1975) gelang mit seiner 11. Sinfonie die Rehabilitierung als Komponist in der UdSSR, nachdem er unter Stalin (wegen des wahrscheinlich von Stalin selbst verfassten legendären Artikels in der PRAWDA von 1936) 20 Jahre lang von der offiziellen Seite geschnitten und in seiner Reisefreiheit eingeschränkt worden war). Der Untertitel des Sinfonie (Das Jahr 1905) bezieht sich auf den Petersburger Blutsonntag, als die Garden des Zaren auf einfache Menschen schossen, welche dem Zaren eine Bittschrift überbringen wollten. Die anschliessenden Unruhen kosteten über 1000 Menschenleben. Einige Musikwissenschaftler sehen in der Sinfonie auch eine Verarbeitung des Aufstandes in Ungarn von 1956 oder ein Requiem auf eine verlorene Generation, welche die Schrecken der Stalinherrschaft erdulden musste. Die Sinfonie beginnt mit getragenen Akkorden und Blechfanfaren aus weiter Ferne, die (auch emotionale) Kälte des Januartages auf dem Palasthof ist spür- und hörbar. Der zweite Satz beschreibt das hektische Voranschreiten der Menge, welche ihrer Unzufriedenheit über Korruption, Mangel und Misswirtschaft Ausdruck gibt. Dann geht die Garde mit burtaler Gewalt gegen die Demonstranten vor, Gewehrsalven werden hörbar, marschartige Rhythmen, Gilssandi, Panik dominieren diesen zweiten Teil. Das Adagio des dritten Satzes stellt ein Lamento dar, einen Trauermasch, den Opfern gewidmet. Im vierten Satz erklingen wieder die marschartigen Rhythmen, versinken in den ruhigen Beginn des ersten Satzes, bäumen sich wieder auf, g-Moll und G-Dur kämpfen gegeneinader, reiben sich, keine Seite gewinnt.

Schostakowitschs 11. Sinfonie wurde oft mit Filmmusik verglichen, die vier Sätze gehen pausenlos ineinader über, die musikalische Beschreibung der Stimmungen ist grandios umgesetzt und wie immer bei Schostakowitsch glänzend instrumentiert. Seine 11. stellte den grössten Erfolg des Komponisten seit der 7. Sinfonie dar.

Karten

Für oper-aktuell: Kaspar Sannemann, den 29. September 2017 Gelesen: 201

Kategorie: Schostakowitsch 11. Sinfonie
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