Berlin, Konzerthaus: BERLINER SINGAKADEMIE, 05.05.2016 

Berlin, Konzerthaus: BERLINER SINGAKADEMIE, 05.05.2016

Mendelssohn: DIE ERSTE WALPURGISNACHT, weltliche Kantate für Soli, Chor und Orchester op. 60 | Uraufführung: 10. Januar 1833 in der Sing-Akademie zu Berlin | Martinů: DAS GILGAMESCH EPOS, Oratorium für Soli, Chor und Orchester | Uraufführung: 24. Januar 1958 in Basel | Aufführungen in Berlin: 5.5.2016

Felix Mendelssohn

Bohuslav Martinů

Bilder: K.Sannemann, 5.5.2016

Kritik:

 

Das war eine sehr gute Idee des Konzertveranstalters, die ursprünglich vorgesehene - chronologische - Programmreihenfolge der beiden großen Chorwerke von Mendelssohn und Martinů zu drehen. So wurde man nun also zu Beginn des Abends mit  Martinůs circa einstündigem, tiefsinnig die Problemkreise von Macht, Freundschaft, Tod und Trauer umkreisendem Oratorium DAS GILGAMESCH EPOS konfrontiert, um sich nach der Pause Mendelssohns augenzwinkernd in Töne gesetzter Goethe Ballade DIE ERSTE WALPURGISNACHT zu erfreuen.

Die Werke von Bohuslav  Martinů haben es leider - trotz ihrer für das Ohr eigentlich leicht zugänglichen Kompositionsweise - immer noch nicht geschafft, breitere Publikumsschichten für sich zu gewinnen. So blieben auch gestern Himmelfahrt im Konzerthaus am Gendarmenmarkt bedauerlicherweise viele Plätze unbesetzt. Schade, denn die Wiedergabe dieses vielschichtigen, mit feinsinnigen musikalischen Kontrasten und wirkungsvoller Musik aufwartenden Chorwerks hätte ein regeres Interesse wahrlich verdient. Das Konzerthausorchester Berlin und die Berliner Singakademie unter der überaus plastisch und genau gestaltenden Leitung von Achim Zimmermann blieben dem Epos nichts an Mystik, ergreifender Trauerklage und - wo angebracht und gefordert - auch an brachial-martialer Kraft in den gewaltigen Klangmassierungen schuldig. Dabei wurde stets auf Transparenz, rhythmische Genauigkeit und Textverständlichkeit geachtet. Die große Aufgabe des Teils kommentierenden, hinterfragenden, teils erzählenden Chors bewältigte die Berliner Singakademie mit herausragender klanglicher Qualität und Ausgewogenheit in allen Stimmlagen. Perfekt die Solistin und die drei Solisten: Christina Roterberg gestaltete die Sopranpartie mit brillanter Leuchtkraft, praktisch ohne Vibrato und trotzdem ein lockend-erotisches Timbre offenbarend. Faszinierend die sauber anschwellenden Töne, ihre ausdrucksstarke, innige Vokalise mit Chorunterstützung im dritten Teil. Stephan Rügamer überzeugte mit klarer Intonation und angenehm schlanker Tongebung in der eher deklamatorisch gehaltenen Tenorpartie. Der Bariton Andreas Jäpel vermochte als Gilgamesch mit seiner verzweifelten Trauerklage um den verstorbenen Freund Enkidu und seine bohrenden Fragen an Enkidus Geist im dritten Teil zu bewegen. Wunderbar kraftvoll, sonor und mit ausgezeichneter Textverständlichkeit sang er seine wichtigen und gewichtigen Passagen. Mit ebenso exemplarischer Diktion und ausgesprochen runder, sauber geführter Bassstimme wartete Egbert Junghanns auf. Beharrlich und rätselhaft intonierte er als Enkidus Geist am Ende immer wieder die Worte "Ich sah".

Nach der Pause dann folgte Mendelssohn Bartholdys herrliche Ballade DIE ERSTE WALPURGISNACHT. Erst erschien seine Komposition (nach dem geheimnisvollen Verklingen und dem Nachhall von Martinus Oratorium) in ihrer farbigen Lautmalerei des Frühlingsbeginns beinahe etwas zu naiv. Doch Mendelssohn hatte es mit Lust am Schabernack der heidnisch-naturreligiösen Riten  großartig verstanden, Goethes Verse zu vertonen und ihnen einen stimmigen musikalische Subtext beizufügen. Pünktlich zum Konzert der Berliner Singakademie wechselte auch in Berlin die kühle Schlechtwetterperiode zu frühlingshaften Temperaturen und Mendelssohns zweigeteilte Ouvertüre (Das schlechte Wetter; Der Übergang zum Frühling) hätte passender zu den äusserlichen Gegebenheiten nicht erklingen können. Das Konzerthausorchester evozierte diese beiden Stimmungen mit klangmagischem Raffinement. Wunderschön ertönte dann die Tenorarie von Stephan Rügamer "Es lacht der Mai" mit den gelungenen Echowirkungen durch die Chordamen der Singakademie. Mit gebührender Eindringlichkeit warnte die Mezzosopranistin Isabelle Rejall vor allzu großem Übermut. Bestimmt und fordernd beharrte der Priester (Andreas Jäpel) auf den Riten der Druiden, unterstützt vom prachtvollen Chor. Bestechend präzise gab der Chor der Wächter mit seinen Staccati Anweisungen, überaus effektvoll verspottete der Bass von Egbert Junghanns die Pfaffen, der Chor nahm den Spott mit herrlichem Übermut auf, ein Höhepunkt des Werks ("Kommt mit Zacken und mit Gabeln, wie der Teufel, den sie fabeln ..."). Über den choralartigen Gesang des Priesters mit dem Chor der Heiden ging es dann kurzweilig auf den lobpreisenden, triumphalen und sich in jubelnde Dur-Emphase steigernden Schlussgesang zu. Mit der letzten Kantilene ("Dein Licht, wer kann es rauben") im Ohr trat man beglückt und beseelt hinaus in die erste laue Frühlingsnacht.

Werke:

Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847) war nicht nur ein prägender Komponist der deutschen Romantik, er gründete auch das erste Konservatorium Deutschlands und entdeckte die Werke von Bach und Händel neu für den Musikbetrieb. Obwohl er nach einer Reihe von Schlaganfällen viel zu früh (im alter von nur 36 Jahren) starb, hinterliess er ein reichhaltiges kompositorisches Schaffen: Lieder, Kammermusik, Sinfonien, Konzerte, Konzertouvertüren, Schauspielmusik, Kantaten und Oratorien. DIE ERSTE WALPURGISNACHT ist eine weltliche Kantate, welche auf der 1799 verfassten Ballade von Goethe fusst. Goethe wollt seine Dichtung zuerst von Carl Friedrich Zelter vertonen lassen, doch der fühlte sich dazu nicht in der Lage und gab die Vorlage an seinen Schüler Mendelssohn weiter. Auch Mendelssohn war Goethe schon in jungen Jahren begegnet. Goethes Text behandelt den alten Brauch, wonach sich die heidnischen Druiden (wegen der aufkommenden Übermacht der Christen) zur Frühlingszeit in die Gebirge des Harzes (Brocken) zurückziehen, um dort ihren alten Riten zu frönen. Mendelssohn fügte den neun solistisch/chorischen Teilen eine zweigeteilte Ouvertüre hinzu. Nach einer ersten öffentlichen Uraufführung arbeitete er das Werk 10 Jahre später nochmals um und führte diese heutzutage übliche Fassung selbst im Leipziger Gewandhaus am 2. Februar 1843 auf. Unter den Zuhörern befanden sich Robert Schumann und Hector Berlioz.

Bohuslav Martinů (1890-1959) verfasste den Text zu seinem dreiteiligen Oratorium DAS GILGAMESCH EPOS selbst, allerdings in englischer Sprache. Die Uraufführung in Basel allerdings fand dann in deutscher Sprache statt. Es gibt auch eine Version in tschechischer Sprache. Auffallend ist, dass die Solisten und der Chor wechselnde Rollen einnehmen. Martinů ging es nicht um ein kontinuierlich sich entwickelndes, historisches Heldenepos, sondern um philosophische Fragen, die sich um Freundschaft, Furcht vor dem Herrscher, aber auch um die Beklommenheit und Angst dieses Herrschers drehen. Traum und Wirklichkeit gleiten ineinander. Viele Handlungsmomente sind lediglich angedeutet, erlangen aber durch die Kraft der Musik Bedeutung.

Im ersten Teil des Oratoriums beschreibt Martinů die Leiden des Volkes unter Gilgameschs Herrschaft, die Ankunft Endikus, der Kampf der beiden.

Im zweiten Teil erfahren wir, dass der Kampf unentschieden ausgegangen ist, Gilgamesch und Enkidu wurden Freunde. Doch Enkidu stirbt nach langen Schmerzen. Gilgameschs Klage und seine Suche nach dem ewigen Leben bilden den zentralen Punkt dieses Teils.

Im dritten Teil muss Gilgamesch einsehen, dass die Unsterblichkeit nicht zu erreichen ist, Beschwörungen zur leiblichen Auferstehung nichts bringen, doch ein intimes Gespräch mit Enkidus Geist findet am Ende statt.

Musikalisch baut Martinů auf starke Kontraste zwischen berauschenden, aufrüttelnden und wuchtigen Passagen und lyrischen, innigen Momenten. Eine weitere Kontrastwirkung wird erreicht durch den Wechsel von gesprochenen und gesungenen Teilen, verteilt auf den Chor, eine Frauenstimme und vier Männerstimmen (Tenor, Bariton, Bass und Sprecher).

Karten


Für oper-aktuell: Kaspar Sannemann, den 05. Mai 2016 Gelesen: 1294

Kategorie: Das Gilgamesch Epos
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