Berlin, Deutsche Oper: LE PROPHÈTE, 26.11.2017 

Berlin, Deutsche Oper: LE PROPHÈTE, 26.11.2017

Grand Opéra in fünf Akten | Musik: Giacomo Meyerbeer | Libretto: Eugène Scribe und Émile Deschamps | Uraufführung: 16. April 1849 in Paris | Aufführungen in Berlin: 26.11. | 30.11. | 3.12. | 9.12. | 16.12.2017 | 4.1. | 7.1.2018

copyright: Bettina Stöß, mit freundlicher Genehmigung Deutsche Oper Berlin

Kritik:

 

Das Setting, welches sich Regisseur Olivier Py von seinem Bühnen- und Kostümbildner Pierre-André Weitz für diese Neuinszenierung von Meyerbeers LE PROPHÈTE auf die Bühne der Deutschen Oper Berlin bauen ließ, wäre eigentlich perfekt gewesen für einen aktuellen Deutungsversuch der Geschehnisse rund um das Münsteraner Täuferreich von 1534: Man blickt auf eine düster-graue Bühne, im Hintergrund werden heruntergekommene Mietskasernen einer Banlieu sichtbar, seitlich prangt als Farbakzent eine Werbeplakat für sexy Männerunterwäsche. Doch statt diese Atmosphäre der Trost- und Hoffnungslosigkeit und der mangelnden Perspektiven als Nährboden für die Ideen des Fanatismus stringent zu nutzen (wie das Tobias Kratzer vor zwei Jahren in Karlsruhe in einem ähnlichen Ambiente so überzeugend gelungen war), gleitet Pys Inszenierung mehr und mehr in einen – man möge mir den Ausdruck verzeihen –„verschwulten“ feuchten Traum ab. Ständig sind junge, perfekt modellierte Männerkörper auf der Bühne zu sehen. Sie begleiten als Bodyguards, mit Schnellfeuerwaffen ausgestattet, den attraktiven Feudalherren Graf Oberthal (wunderbar fies, zynisch und im dritten Akt mit feiger, egoistischer  Selbstverleugnung: Seth Carico), der hier als eine Art Mafiaboss im Zobelmantel und mit der Mercedes-Limousine (auf dessen Rücksitz er Berthe vergewaltigt, sein Bodyguard doppelt dann gleich auf der Kühlerhaube nach) dargestellt wird. Die männlichen Models bevölkern auch die Bar von Jean de Leyde (der später zum Prophetenkönig wird), visualisieren in einer geradezu dilettantischen Pantomime Jeans Traumvision, sie sind die halbnackt mit Gewehren agierenden Soldaten (peinlich – oder soll das Parodie sein?) auf dem Schlachtfeld im dritten Akt, sie stellen den Hauptteil der metrosexuellen Orgie in Zeitlupe im Schlussbild. Selbst der Engel (Hoffnung auf eine bessere Welt, Zufluchtsort, Schicksals- oder Racheengel?) könnte ein Model für Calvin Klein, ES oder Barcode Berlin sein. Unentwegt geistert er durchs Bühnenbild oder schwebt vom Schnürboden, doch seine dramaturgische Funktion wird nicht so recht klar, außer im fünften Akt, wo Jean dann kurz mal seinen Schutz sucht, sich aber schnell wieder von ihm löst. Den „Höhepunkt“ dieser von Homoerotik durchzogenen Inszenierung bildet das berühmte Schlittschuhläufer-Ballett im dritten Akt: Olivier Py hat es selbst choreografiert, und zwar als „Szenen aus dem Soldatenleben“. Hei, wie lustig ist Waterboarding in Feinripp-Unterwäsche. Das alles wirkt wie aus einem edlen Schwulenporno aus den 80er Jahren in der Ästhetik von Jean Daniel Cadinot. Durchaus nett anzusehen, doch was hat das mit der puritanischen Täuferbewegung zu tun, die zwar die Vielweiberei propagierte, ansonsten aber von fanatischer Prüderie geprägt war? Und letztendlich fragt man sich auch, wo denn die eigentliche Story bleibe. Denn in der Personenführung, dem Herausarbeiten der Charaktere offenbaren sich Schwächen. Vor lauter Fokussierung auf die attraktiven Körper der Tänzer wird der Chor sträflich vernachlässigt, bleibt meist statisch, einige Tableaux hatten einen Touch von LES MISÉRABLES (mit den gereckten Fäusten und dem Schwenken der Tricolore). Unbeholfen und pietätlos auch die Szene mit den Särgen im dritten Akt, wo diese wie die Bälle in einer Stafette einer Grundschulklasse über die Köpfe weitergereicht werden. Sehr gut gelungen ist die Krönungsszene mit den (gekauften) Wunderheilungen von Behinderten und gar der Auferweckung einer Toten durch den Propheten. Am Ende des Werks steht in dieser Inszenierung dann aber ein blasser Suizid des Propheten, die geforderte Explosion des Palasts, welche die Orgie und alle Protagonisten in den Abgrund reißen soll, bleibt uns vorenthalten, dafür sieht man – quasi als Moral von der Geschichte – den Grafen Oberthal wie bei seinem ersten Auftritt von den Bodyguards beschirmt über die Bühne schreiten und genüsslich eine Tasse Tee trinken. Die Reichen und Mächtigen werden immer irgendwie überleben. Immerhin, der Abschied Jeans von seiner Kleinstadt-Bar, um als Prophet der Täufer zu Ruhm zu gelangen, wird von Olivier Py mit einem ganz starken Bild gezeigt: Er erschießt seinen treuen Schäferhund (der gar im Besetzungszettel aufgeführte „Fritzi“).

Leider wird man auch musikalisch nicht nur glücklich an diesem Abend. Tadellos Chor, Kinderchor und Orchester der Deutschen Oper Berlin. Dirigent Enrique Mazzola achtet sehr genau auf die Balance, das Orchester bleibt manchmal gar allzu zurückhaltend, doch besser so als umgekehrt. Die Sängerinnen und Sänger brauchen also nie zu forcieren. Die Partien, welche Meyerbeer ihnen in die Kehle gelegt hat, sind schwierig und verlangen im mit zwei Pausen doch gute viereinhalb Stunden dauernden Abend doch einiges an Stamina. Ausgezeichnet ist Clémentine Margaine als Mutter Fidès. Sie verleiht ihrem voluminösen Mezzosopran die gebotene Expressivität, verfügt daneben aber auch über die Agilität für die Koloraturgirlanden, vermag als von ihrem Sohn verleugnete Mutter zu rühren. Zur Berthe ist dem Regisseur nicht allzu viel eingefallen, nur dass sie zu Beginn im hübschen Kleid etwas gelangweilt mit dem Wischmob die Bühne fegen muss und Oberthal mit dem Wischwasser (!) die Schuhe poliert. Stimmlich aber ersingt sich Elena Tsallagova einen großen Triumph, auch sie glänzt mit den Koloraturen, lässt die helle, schön geführte Sopranstimme leuchten. Für das Trio der Wiedertäufer (Zacharie, Jonas, Mathisen) hatte Meyerbeer die liturgische Melodie „Ad nos, ad salutarem undam“ geschrieben, welche die Oper vom ersten Akt an quasi unverändert durchzieht. Derek Walton, Andrew Dickinson und Noel Bouley intonieren sie wunderschön, beinahe mit mystischem Verführungssog. Dickinsons sehr schön gefärbter Tenor lässt im Verlauf des Abends immer wieder aufhorchen. Derek Walton als Zacharie lässt in seinem strophigen Lied im dritten Akt leider etwas von profunder Bassgewalt vermissen. Und dann ist da natürlich noch die Titelpartie, die des „falschen“ Propheten Jean de Leyde. Erst mal das Positive: Gregory Kunde steht die anspruchsvolle Rolle durch, ja am Ende, wo er sich mit seinem Trinklied in die sich orgiastisch verschmelzenden Körper im Schloss drängt, hat er gar seine besten Momente. Seine Auftritts-Pastorale hingegen ist wahrscheinlich von Premierennervosität beeinträchtigt: Gaumig klingt die Stimme, verquollen die französische Diktion, die Intonationsgenauigkeit in der Mittellage in den leiseren Passagen sehr instabil, die Höhe dann aber beeindruckend sicher, wenn auch manchmal etwas angeschliffen. Untadelig besetzt sind die kleineren Rollen.

Trotz aller Einwände gegenüber der Inszenierung: Langweilig ist die Produktion nicht, das komplex und kunstfertig verschachtelte Bühnenbild auf der sich (zu oft) drehenden Scheibe der Drehbühne ist sehenswert, einige bildliche Metaphern regen durchaus zum Nachdenken an (einige sind auch überdeutlich: Wenn die Menschen auf der Bühne ideologisch verblendet werden, wird auch das Publikum von einer Scheinwerferbatterie gnadenlos geblendet ...) und musikalisch stellt eine Begegnung mit Meyerbeers Opern immer wieder ein bereicherndes Erlebnis dar.

Inhalt:

Die Oper spielt in Holland und Münster (Deutschland) zu Beginn des 16. Jahrhunderts und behandelt (historisch nicht in allen Einzelheiten korrekt) die Geschichte des Täuferreiches von Münster.

Die Leibeigene Berthe ist mit Jean de Leyde verlobt, braucht zur Heirat jedoch die Einwilligung des Comte d'Oberthal. Auf dem Weg zur Burg begegnet sie zusammen mit Jeans Mutter Fidès drei Wiedertäufern, welche die Bauern zum Widerstand aufrufen. Die Bauern bewaffnen sich und wollen die Burg des Comte stürmen. Der Comte lässt sowohl die Prediger, als auch Berthe und Fidès festnehmen.

Die Wiedertäufer Jonas, Zacharie und Mahtisen kehren im Gasthaus von de Leyde und seiner Mutter ein. In Jean de Leyde glauben sie ihren Apostel zu erblicken und wollen ihn dazu bringen, gegen Münster zu ziehen. Jean jedoch hatte in der Nacht zuvor einen Alptraum und sah sich darin als blutbefleckten König. Er sehnt sich nur danach, Berthe zu heiraten. Berthe konnte aus der Gefangenschaft fliehen. Jean versteckt sie vor dem Comte. Dieser verlangt ihre Auslieferung, andernfalls werde er Jeans Mutter Fidès töten. In diesen Zwiespalt gestürzt, gibt Jean Berthe frei. Er schliesst sich nun jedoch den drei Täufern an.

Die Täufer feiern erste kriegerische Erfolge. (Balletteinlage)

Der Comte d'Oberthal wird von den Täufern festgenommen, aber nicht erkannt. Zum Schein schliesst er sich der Gesinnung der Wiedertäufer an. (Adelige aufhängen, Klöster niederbrennen, Bauern befreien) Am Lagerfeuer erkennen Zacharie und Jonas den Comte und fordern seinen Tod. Jean sehnt sich nach seiner Mutter. Von Odenthal erfährt er, dass sich Berthe in Münster aufhalten soll. Mathisen tritt hinzu und berichtet, dass die Wiedertäufer vor Münster eine Niederlage erlitten haben. Die Soldaten meutern nun gegen Jeans Führungsrolle, beschimpfen ihn als falschen Propheten und fordern seinen Tod. Jean kann durch Rechtfertigungen das Blatt nochmals zu seinen Gunsten wenden und befiehlt die Eroberung Münsters.

Dies gelingt und Jean regiert die Stadt mit harter Hand. Die Bevölkerung jubelt dem Propheten Jean scheinbar zu. In Wahrheit jedoch wünschen sie seinen Untergang. Berthe findet Fidès beim Betteln. Fidès glaubt, dass der „falsche“ Prophet ihren Sohn getötet habe, da sie eines Morgens blutige Kleider gefunden hat. Berthe entschliesst sich, den Propheten zu töten. Jean zieht unterdessen als „König“ in den Dom zu Münster ein. Er erklärt sich selbst zu Gottes Sohn, als Auserwählter. Fidès erkennt ihn, doch Mathisen verlangt von Jean, seine Mutter zu verleugnen, da eine menschliche Mutter Jeans Reputation als Gottes Sohn untergraben würde. Doch der Schaden ist angerichtet, da Fidès auf ihrer Aussage beharrt. Jean behauptet zwar, dass die Frau wahnsinnig sei, doch das Volk glaubt ihm erst, als er sein Leben anbietet, falls Fidès recht habe. Angesichts der auf Jean gerichteten Waffen, beteuert Fidès, dass sie sich geirrt habe. Das Volk glaubt nun dem Propheten wieder und feiert ihn als Wunderheiler, der eine Irre geheilt habe.

Das Heer Karls V. zieht gegen Münster und verlangt die Auslieferung von Jean de Leyde. Um ihre Haut zu retten, wollen Jonas Matthisen und Zacharie den Propheten Jean ausliefern. Fidès wird gefangengenommen und erklärt, dass ihr Sohn sie verleugnet habe. Selbst als Jean sie als Mutter begrüsst, bezeichnet sie ihn als Tyrannen. Jean beteurt ihr, dass es ihm bei all seinen Handlungen nur darum ging, die Behandlung Berthes durch die Adligen zu rächen. Unterdessen will Berthe mit einer Fackel Salpeter entzünden, um den verhassten Propheten zu vernichten. Sie erkennt in Jean den verlorenen Bräutigam, aber auch den Propheten. Berthe begeht Suizid.

Ein Fest wird gefeiert. Comte d'Oberthal stürmt an der Spitze der kaiserlichen Truppen den Saal. Jean löst eine Explosion aus, das Schloss stürzt ein, Jean stirbt in den Armen seiner Mutter.

Werk:

Mit seinen beiden Opern LES HUGUENOTS und ROBERT LE DIABLE hatte Meyerbeer das Genre der Grand Opéra nachhaltig geprägt und grosse Erfolge eingefahren. Auch die Uraufführung von LE PROPHÈTE wurde zu einem Riesenerfolg, obwohl Meyerbeer das Stück wegen Überlänge mehrmals kürzen musste. Die Oper verbreitete sich schnell über die damalige Opernlandschaft, wurde zu einem europaweiten Triumph. Sie fiel jedoch wie die andern Opern Meyerbeers nach wenigen Jahrzehnten des Erfolgs dem Vergessen anheim. Dies lag einerseits an zunehmendem Antisemitismus einiger einflussreicher Komponisten und Kritiker (z.B. Wagner), andererseits gerieten die grossen historischen Stoffe und die überlangen Opern dieses aufwändigen Genres ausser Mode. Nun scheint sich glücklicherweise eine Phase der Wiederentdeckung von Meyerbeers Meisterwerken anzubahnen.

Karten

Für oper-aktuell: Kaspar Sannemann, den 26. November 2017 Gelesen: 505

Kategorie: Le Prophète
geerd, 27-11-17 17:58:
was ich am gemeinsten fand, war dass py schulen sex (rudelbums und analverkehr mit leckeren statistenpopos und pimmelschau) als symbol für perversion und verfall wählte. ein regisseur der selber schwul ist und mit transenprogrammen gewerblich auftritt, sollte sowas nicht machen. das lässt auf selbsthass schließen. und ich wehre mich dagegen, diese alten katholischen denunziationen hinzunehmen. und das in berlin zumal ist lächerlich und wie die ganze produktion tiefprovinziell. der abend war visuell wie eine nacht in reims oder st etienne. spießig!
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