Berlin, Deutsche Oper: LA TRAVIATA, 21.04.2017 

Berlin, Deutsche Oper: LA TRAVIATA, 21.04.2017

Oper in drei Akten | Musik: Giuseppe Verdi | Libretto: Francesco Maria Piave, nach Alexandre Dumas LA DAME AUX CAMÉLIAS | Uraufführung: 6. März 1853 In Venedig | Aufführungen in Berlin: 21.4. | 30.4.2017

Applausbilder: K. Sannemann, 21.4.2017

Kritik:

 

Eine an sich schon unter die Haut gehende Aufführung von Verdis LA TRAVIATA kulminierte gestern Abend in der Deutschen Oper Berlin 16 Takte vor dem Ende mit einer wahrlich Gänsehaut erregenden Sterbeszene der Titelheldin: Patrizia Ciofi gelang als Violetta das grandiose Kunststück, ihrer letzten Note im Übergang vom Parlando ins Arioso einen erstickten Todesschrei beizumischen, so dass ihr das a von O gioia buchstäblich zum finalen Herzschlag im Hals steckenblieb. Man fühlte mit ihr, wie sie meinte, ihre Kräfte wiederzuerlangen, ins Leben zurückzukehren. Verdi bringt die Oper nach diesem ergreifenden und vergeblichen Kampf gegen den Tod ja schnell und beinahe roh zum Abschluss, er fügt keine Sentimentalitäten mehr ein, sondern vertraut vollkommen der nachhaltigen Wirkung seiner Musik und Piaves Text auf unser Empfinden, und der bühnensichere Komponist traf damit ins Schwarze, seine Verknappung bewirkte auch gestern auf dem Nachhauseweg einen gewaltigen Nachhall in der Seele. Doch nicht nur in dieser Szene überzeugte Patrizia Ciofi. Sie zeichnete mit ihrer überlegenen Phrasierungs- und Gestaltungskunst ein umfassendes Charakter- und Seelengemälde dieser Frau, einer reifen Frau, die ihr Ende (wegen der Krankheit) nahen sieht, im jungen, unverdorbenen Alfredo noch einmal die (letzte) Chance auf ungetrübtes, reines Liebesglück erhofft, durch ihren Verzicht auf dieses Glück (zu Gunsten des guten Rufes der Familie Alfredos) aber letztendlich nicht nur an ihrer Krankheit, sondern auch an gebrochenem Herzen stirbt. Im ersten Akt schwanken ihre Gefühle zwischen der Frivolität, der Lebenslust, den aufwallenden Gefühlen zu Alfredo und den ersten Vorahnungen ihres Todes. In ihrer großen Szene È strano ... Ah fors’ è lui und der nachfolgenden Cabaletta Sempre libera verlieh Patrizia Ciofi all diesen widerstreitenden Empfindungen intensivsten Ausdruck. In der Schlüsselszene des zweiten Aktes, in der Violetta im Duett mit Alfredos Vater, Georges Germont, von diesem zum Verzicht auf die Liebe genötigt wird (Dite a la giovine), wächst Frau Ciofi mit der Violetta zu einer wahren Tragödin, welche mit ihrer menschlichen Größe nicht nur Georges Germont beeindruckt, sondern auch das Publikum zutiefst berührt. Welch herrliche, lyrische Piani erklingen da, wie wunderschön (und von tiefer Trauer beseelt) strömen Verdis berührende melodische Finessen, wie ergreifend crescendiert in der nachfolgenden Szene mit Alfredo das fantastisch aufgebaute Amami Alfredo! Mit Würde erträgt sie im dritten Bild die rüpelhafte, rachsüchtige Behandlung und Erniedrigung durch den naiven Alfredo, der im Verlauf der Oper eben auch einen Reifeprozess durchlaufen muss. Der junge, international schon sehr erfolgreiche Tenor Antonio Poli gestaltete diesen Prozess auf einnehmende Art und Weise. Sein leicht angeraut klingendes Timbre verströmte dabei eine passende bäuerliche Tollpatschigkeit und Unbeholfenheit des Landjungen in der Pariser Demimonde des ersten Aktes, er wurde zum im verspielten Geliebten im Landhaus des zweiten Bildes, zum cholerisch sich rächenden Liebhaber auf dem Ball bei Flora im dritten Bild, um dann im vierten Bild endlich die wahre Größe und die echten Gefühle Violettas zu erkennen – zu spät. Seine Stimme vermochte diese inneren Spannungen mit kluger Disposition und Geschmeidigkeit auszudrücken, wunderbar gehaltvoll seine Piani, prächtig der kupferne Glanz seiner Stimme, wenn er sie anschwellen ließ (ohne zu forcieren).  In der Cabaletta der Arie De’ miei bollenti spiriti – o mio rimorso verzichtete er auf den finalen hohen Ton und hielt sich an den gedruckten Notentext, kann man so machen, muss man aber nicht ... . Sehr schön geriet im letzten Akt das Parigi o cara, die beiden Stimmen von Patrizia Ciofi und Antonio Poli verschmolzen darin prächtig. Prachtvoll auch der markante, autoritäre Bariton von Dong-Hwan Lee als Georges Germont. Seine Stimme strömte mit herrlich sonorer Qualität, elegant, je nach Situation und Gefühl hart oder balsamisch weich. Ein wunderbarer, junger Sänger, auf dessen weitere Entwicklung man zu Recht gespannt sein darf. So gerieten das erwähnte große Duett mit Violetta, das Arioso Pura siccome un angelo und die Arie Di Provenza il mar zu eindringlichen sängerischen Visitenkarten. Hervorragend besetzt waren an diesem Abend aber nicht nur die drei Hauptpartien, auch die Interpret*innen der kleineren Rollen vermochten ausgesprochen gut zu gefallen: Amira Elmadfa als Vamp artige Flora, die wunderschöne Stimme von Adriana Ferfezka als treu ergebene Annina, Stephen Bronk als eleganter Baron Douphol, Matthew Newlin als Gaston, Alexei Botnarciuc als Doktor Grenvil, Thomas Lehmann als D’Obigny und Paul Kaufmann als Giuseppe. Dass sich die Sänger so wunderbar in ihre Rollen hineinleben konnten, liegt sicher auch an der Inszenierung von Götz Friedrich aus dem Jahr 1999. Im eindrücklichen schwarzen Bühnenraum von Frank Philipp Schlößmann und mit den an die späten 20er Jahre gemahnenden Kostümen von Klaus Bruns spiegelt sich der Untergang der liebenden Seele im Zerfall des Bühnenbildes. Das alles ist mit fein durchdachter Stimmigkeit inszeniert, einer Stimmigkeit, welche bis dato beinahe 140 stets gut besuchte Aufführungen dieser Produktion zur Folge hatte.

Am Pult des Orchesters der Deutschen Oper Berlin stand Giampaolo Maria Bisanti. Er führte mit exzeptioneller Übersicht und sehr zielgerichtetem Drive durch die tragische Geschichte. Larmoyanz kam bei den vorwärtsdrängenden Tempi nie auf, Gefühl jedoch sehr wohl. Mit präziser Zeichengebung setzte er klare Akzente, achtete auf klug disponierte dynamische Steigerungen, auf Spannungsaufbau und Transparenz des Gesamtklangs. Nie wurde der Eindruck sentimentaler Banalität erweckt – aber sehr wohl eine Tiefe der Empfindungen ausgeleuchtet. Wunderbar auch zu beobachten, wie der Maestro mit den Sänger*innen atmete, sie so auf Händen trug. Mit Verve sang der von Thomas Richter geleitete Chor der Deutschen Oper Berlin die Zigeunerinnen-/Matadorenszene im dritten Bild.

Das war ein intensiver, bewegender Opernabend in der Deutschen Oper Berlin.

Werk:

LA TRAVIATA bildet zusammen mit IL TROVATORE und RIGOLETTO die so genannte Erfolgstrias aus Verdis mittlerer Schaffensperiode. Die drei Opern gehören nicht nur zu den populärsten und meistgespielten Werken Verdis, sondern des gesamten Repertoires. Die TRAVIATA vermochte sich zuerst nicht durchzusetzen. Erst nach einigen kleinen Änderungen (und einer Umbesetzung der korpulenten Sopranistin der Uraufführung) setzte das Werk seinen langsamen Siegeszug an. Indem Verdi und sein Librettist eine ausserhalb der anständigen Gesellschaft stehende Frau (wörtlich bedeutet LA TRAVIATA „Die vom rechten Weg abgekommene“) ins Zentrum einer Oper stellten, betraten sie inhaltlich Neuland, ja die TRAVIATA gilt sogar als Vorläuferin der veristischen Opern des späten 19. Jahrhunderts. Musikalisch ist die gefühlvolle Komposition ganz als Seelendrama der Protagonistin angelegt, die Sympathien Verdis für diese Ausgestossene werden deutlich hörbar. Nur schon das an trauriger Empfindsamkeit kaum zu übertreffende Vorspiel zum dritten Akt lässt keine Zuhörerin, keinen Zuhörer unberührt.

Inhalt:

In ihrem Salon begegnet die Kurtisane Violetta dem jungen, unerfahrenen Alfredo Germont. Diese Begegnung stürzt die kränkelnde Frau in einen Zwiespalt der Gefühle. Einerseits fühlt sie sich zu dem jungen, rücksichtsvollen Mann hingezogen, andererseits will sie ihr genussreiches Leben nicht einfach so aufgeben. Doch die beiden ziehen zusammen. Das wenige Geld ist jedoch bald aufgebraucht, Violetta veräussert ihren Schmuck. Alfredo findet das heraus, ist beschämt und versucht seinerseits Geld zu beschaffen. Während seiner Abwesenheit trifft Alfredos Vater ein und verlangt von Violetta um der Familienehre willen, die Beziehung zu seinem Sohn zu beenden. Schweren Herzens stimmt Violetta zu, auch im Wissen um ihre Krankheit (Tuberkulose). In einem Brief teilt sie Alfredo mit, dass sie sich entschieden habe, zu ihrem alten Leben zurückzukehren. Alfredo lässt sich von seinem Vater nicht zur Rückkehr in den Schoss seiner Familie überreden. Er reist Violetta nach. Auf einem Ball macht er Violetta schwerste Vorwürfe und bezeichnet sie als Hure. Die Gaäste, unter ihnen auch der Vater Germont, sind entsetzt. Violetta wird immer schwächer und kränker. Der alte Germont enthüllt seinem Sohn die Wahrheit über Violettas Verzicht. Alfredo und die sterbende Violetta können sich ein letztes Mal in die Arme schliessen und sich gegenseitig um Verzeihung bitten. Violetta meint, ihre Lebensgeister wieder erwachen zu spüren - sie ehebt sich und stirbt.

Musikalische Höhepunkte:

Libiamo ne' lieti calici, Trinklied Alfredo, Violetta, Akt I

A fors' è lui .... sempre libera, Violetta, Akt I

De miei bollent spiriti, Alfredo, Akt II

Pura siccome un angelo, Violetta – Germont, Akt II

Amami Alfredo, Violetta, Akt II

Di Provenza il mar, Germont, Akt II

Alfredo, Alfredo, die questo core, Violetta, Finale Akt II

Vorspiel Akt III

Addio del passato, Violetta, Akt III

Karten

Für oper-aktuell: Kaspar Sannemann, den 21. April 2017 Gelesen: 1509

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