Berlin, Deutsche Oper: EDWARD II. (Uraufführung), 19.02.2017 

Berlin, Deutsche Oper: EDWARD II. (Uraufführung), 19.02.2017

Musiktheater in zehn Szenen | Musik: Andrea Lorenzo Scartazzini | Libretto: Thomas Jonigk | Uraufführung: 19. Februar 2017 in Berlin | Aufführungen in Berlin: 19.2. | 24.2. | 1.3. | 4.3. | 9.3.2017

copyright: Monika Rittershaus, mit freundlicher Genehmigung Deutsche Oper Berlin

Gemälde von Marcus Stone (1872)

Kritik: folgt am 20.2. ab 12 Uhr an dieser Stelle

Historischer Hintergrund:

Edward II. lebte von 1284 bis 1327. Vielleicht wäre er eine unbedeutende Fussnote der Geschichte geblieben, hätte er nicht durch die besondere Art seiner Günstlingswirtschaft je nach Standpunkt Interesse, Anteilnahme oder Abscheu erregt. Erziehung durch seine Eltern hat er wenig genossen, seine Mutter starb, als Edward sechs Jahre alt war, sein Vater, König Edward I., weilte oft auf Kriegszügen im Ausland und kümmerte sich nicht um seinen Sohn. Schon früh wurde Edward allerdings zum ersten Prinzen von Wales ernannt, sein Vater übertrug ihm die Regentschaft während seiner Abwesenheiten. Als Edward I. 1307 starb, stieg der Prinz of Wales als Edward II. auf den englischen Thron. Aus politischen Gründen war bereits 1299 eine Heirat mit Isabelle de France, der Tochter Philipps IV. vereinbart worden, welche dann 1308 vollzogen wurde. Eine der ersten Amtshandlungen Edwards II. war, seinen Vertrauten Piers de Gaveston aus dem Exil zurückzuholen, in welches ihn Edward I. (dem die enge Verbindung Gavestons und seines Sohnes nicht behagt hatte) geschickt hatte. Edward II. überhäufte seinen Schützling Gaveston mit Ämtern und Einfluss. Das war den Magnaten im Reich ein Dorn im Auge, zumal Gaveston sehr selbstherrlich, überheblich und machtgierig agierte. Der Zwist zwischen Adel (welcher dem König eigentlich zu Gehorsam verpflichtet war) und den Kreisen um Edward II. und Gaveston brach offen aus. Schliesslich geriet Edward dermassen unter Druck, dass er der erneuten Verbannung Gavestons zustimmen musste. Doch Edward hielt sich nicht an die Vereinbarung, holte Gaveston zurück. Dies brachte den Bischof von Coventry auf die Palme, welcher nun den Adel dazu überredete, Gaveston gefangen zu nehmen. (Gerüchte um eine sexuelle Beziehung zwischen dem König und Gaveston machten nun offen die Runde.) Gaveston wurde schliesslich gestellt und auf Betreiben des Erzbischofs und des Earls of Lancaster hingerichtet. Zudem wurde der Earl of Lancaster Vorsitzender des königlichen Rats. In der Folge arrangierte sich Edward mit dem Adel, vergab ihnen gar die Ermordung seines Geliebten Gaveston– scheinbar. Denn Edward holte sich schon bald weitere Günstlinge und Einflüsterer an seinen Hof, vor allem die Despensers, Vater und Sohn. Hugh le Despenser (Spencer) der Jüngere, übte eine ganz besondere Anziehungskraft auf den König aus und schaffte sich durch Anhäufung von Ländereien Einfluss und Macht. Es kam zu den „Despenser Wars“, einem Angriff des alten Adels auf die Despensers. Schliesslich musste der König erneut der Abschiebung ins Exil eines Günstlings und vermutlichen Liebhabers zustimmen. Doch auch diesmal hielt er sich nicht an die Vereinbarung und holte Hugh le Despenser schon bald wieder zurück. Dies führte zum Bürgerkrieg, den Edwards Truppen gewannen, Lancaster gefangen nahmen und hinrichteten. Edward und die Despensers herrschten nun beinahe absolutistisch und tyrannisch, die Adelsopposition fiel in sich zusammen. Doch nach einem Konflikt mit Frankreich schickte Edward seine Gattin Isabelle dahin, um einen Frieden auszuhandeln. Gleichzeitig entkam Roger Mortimer (einer der aufständischen Adligen) aus dem Tower und gesellte sich zu Isabelle (mit der er ein Verhältnis hatte). Der Sohn Edwards, der spätere König Edward III., befand sich ebenfalls in Frankreich und weigerte sich, zu seinem Vater zurückzukehren. Mortimer und Isabelle scharten Truppen um sich und beauftragten Henry von Lancaster, den Bruder des hingerichteten Thomas von Lancaster, Edward II. und seinen Günstling Hugh le Despenser zu verhaften. Despenser wurde hingerichtet, Edward auf Berkeley Castle inhaftiert und zur Abdankung gezwungen, u.a. wegen Unfähigkeit, Habgier, Grausamkeit und „unwürdigen Tätigkeiten“, was eine klare Anspielung auf seine Sexualität darstellte. Am 21. September 1327 wurde berichtet, Edward II. sei gestorben. Es wird kolportiert, man habe ihm eine glühende Eisenstange durch ein abgesägtes Kuhhorn in den After gestossen, um so erstens auf grausame Weise seine Homosexualität zu verspotten und um zweitens äusserliche Gewaltanwendung zu vertuschen.

Der Sohn Edwards II., Edward III., regierte übrigens 50 Jahre lang (beinahe so lange wie Victoria oder Elisabeth II.) und machte aus England eine bestens organisierte militärische und politische Macht. Nach Edward III. kam dessen Enkel Richard II. auf den Thron, doch nach der Ermordung Richards II. brachen die Rosenkriege aus, welche erst 100 Jahre später mit dem ersten Tudor auf dem Thron zu Ende gingen. Der Dominikanerorden und Richard II. hatten beim Papst gar noch eine Heiligsprechung von Edward II. angeregt, die jedoch nie vollzogen wurde.

1592 schrieb der Dichter Christopher Marlowe das Drama EDWARD II., in welchem er für die damalige Zeit ungewöhnlich deutlich die homosexuelle Komponente des Verhältnisses Edwards zu Gaveston und Despenser herausstrich. Bertolt Brecht bearbeitete das Stück 1923 und der Filmemacher Derek Jarman verfilmte es in einer eigenwilligen, schwül-morbiden Adaption 1991 und förderte damit den Status Edwards II. als Ikone der Schwulenbewegung.

Karten

Für oper-aktuell: Kaspar Sannemann, den 19. Februar 2017 Gelesen: 466

Kategorie: Edward II.
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