Berlin, Deutsche Oper: BILLY BUDD, 26.05.2017 

Berlin, Deutsche Oper: BILLY BUDD, 26.05.2017

Oper in zwei Akten (ursprünglich in vier Akten mit Prolog und Epilog) | Musik: Benjamin Britten | Libretto: E.M.Forster und Eric Crozier (nach Herman Melville) | Uraufführung: 1. Dezember 1951 in London | Aufführungen in Berlin (Wiederaufnahme): 24.5. | 26.5. | 2.6.2017

copyright: Marcus Lieberenz, mit freundlicher Genehmigung Deutsche Oper Berlin

Applausbild, 26.5.2017: K. Sannemann

Kritik:

 

„O heave, o heave“ – unerbittlich, gleichförmig wie die unaufhörlich gegen den Bug des Schiffes schlagenden Wellen klingt der Chor der Matrosen auf der INDOMITABLE, dem Kriegsschiff des Captain Vere. Diese Shanty-Melodie des unisono geführten Männerchors brennt sich im Gehör ein, sie kehrt wieder in Billy Budds Abschied von seinem Handelsschiff (das ausgerechnet RIGHTS O’ MAN heißt), von dem er weg muss, da er für den Kriegsdienst auf der INDOMITABLE quasi zwangsrekrutiert wird. Symbolisch (die gesamte Oper ist ein vielschichtiges symbolistisches Drama) wird damit von Britten die Verweigerung des Anspruchs auf Menschenrechte in geschlossenen, hermetisch abgeriegelten Gesellschaften angeklagt. Dem Individuum wird jegliches Recht auf selbstbestimmtes Handeln und Empfinden abgesprochen (wie in Janáceks ebenfalls in einer reinen Männergesellschaft spielender Oper AUS EINEM TOTENHAUS). Darunter leiden nicht nur die ganz unten in der Hierarchie stehenden Schiffsjungen und Matrosen, auch die Offiziere sind diesen Zwängen zur Konformität mit den geltenden Gesetzen - seien sie durch gesellschaftliche Konventionen gegeben oder dem strengen Seerecht geschuldet – erbarmungslos ausgeliefert. Dies zeigen Britten und seine beiden Librettisten Eric Crozier und der bekannte Romancier E.M. Forster (A ROOM WITH A VIEW, HOWARD’S END, MAURICE) basierend auf der gleichnamigen Erzählung von Herman Melville mit aller parabelhaften Deutlichkeit. Denn nicht nur der schöne, naive „Unschuldsengel“ Billy Budd, der von all seinen Kumpanen geschätzt und geliebt wird, steht im Fokus der Autoren. Genauso regen Anteil nehmen sie an den seelischen und moralischen Qualen der beiden anderen Protagonisten, dem Captain Vere, welcher sich durch das zu vermeiden gewesene Todesurteil gegen Billy eine unermessliche Schuld aufgeladen hat, und dem sadistischen Master-at-Arms, Claggart. Britten hat immer gesagt, dass Vere für ihn die Hauptperson der Oper sei, Forster sah Billy im Zentrum. Aber ist es nicht eigentlich Claggart? Ihm hat Britten einen eindringlichen Monolog am Ende des ersten Aktes zugedacht, ein Monolog, der die Schwärze von Jagos Credo in Verdis OTELLO noch an Intensität und psychologischer Durchdringung übertrifft. Claggert, der Liebe und körperliches Begehren für Billy empfindet, was aber nicht sein kann und darf, wendet diese Liebesgefühle in Hass, in abscheulichen, widerwärtigen Sadismus. (Man kennt dieses Verhalten von Senatoren und Abgeordneten konservativer und reaktionärer Parteien dies- und jenseits des Atlantiks.) Die Lichtgestalt Billy Budd, der Lebenslust, Schönheit und das Gute verkörpert, ist für die dunkle, von unterdrückten Trieben gesteuerte Seele Claggerts eine ungeheuerliche Bedrohung, die es zu vernichten gilt. Der stimmgewaltige Bassbariton Gidon Saks transportiert diese abgrundtiefe Schwärze und diese psychischen Konflikte mit stimmgewaltiger Wucht. Eine herausragende Leistung! Man kriegt Gänsehaut, wenn er nach der brutalen, blutigen Auspeitschung des Neulings zynisch kommentiert: If he cannot walk, let him crawl. Neben den schwarz gekleideten Offizieren (Constance Hoffman hat geschickt mehrere Arten von leicht faschistoid anmutenden Uniformen kombiniert, sie nicht genau historische verortet, was der Allgemeingültigkeit der Vorlage sehr gut entgegenkommt) wirkt der in strahlendem Weiß auftretende Captain Vere wie die Gutherzigkeit in Person. Doch das ist nur Schein, er überlässt Claggart die eigentliche Drecksarbeit der Aufrechterhaltung von Disziplin und Ordnung an Bord, er überlässt Redburn den Vorsitz des Standgerichts, welches das Todesurteil gegen Billy fällt. Im Prolog und im Epilog ist Vere dann ein gebrochener alter Mann, der sich seines feigen Scheiterns bewusst ist. Richard Croft verleiht mit seinem wunderschön timbrierten, sanft intonierenden Tenor dieser tragischen Figur stimmliche Größe. Er erkennt die Hilflosigkeit des Einzelnen im riesigen Ozean der menschlichen Gesellschaft, er sieht zwar wie sich der Nebel des Unheils lichtet, er erkennt den Hoffnungsschimmer eines leuchtenden Segels, doch das Land, wo dieses Hoffnungsschiff vor Anker gehen könnte, liegt weit, weit weg – in der Unendlichkeit. Bewusst gemacht hat ihm diese Hoffnung auf das Bessere, das Gute ausgerechnet der naive, schöne und stotternde Junge, Billy Budd. John Chest singt ihn mit warm timbriertem Bariton, die Sanftheit des Charakters, die selbst nach dem Todesurteil ungebrochene Bewunderung für den Captain (Starry-Vere, god bless you) offenbarend. Ein einziges Mal in der Verhandlung erhebt er leise den Vorwurf an Vere „You could have saved me“. Doch genau diese schlichte, fast in einem Nebensatz versteckte Anklage, wird Vere sein ganzes Leben lang weiter quälen. Wenn Billy dann in den Streben der rostigen Schiffswand kauert, auf die Vollstreckung des Todes durch den Strang wartet und sein Wiegenlied singt, mit leicht gebrochener Stimme anhebt, sich dann der wunderschönen Melodie immer stärker hingibt, bleibt kaum mehr ein Auge trocken. John Chest vermag mit seinem ausdrucksstarken Gesang tief zu berühren. Bewegt ist man aber auch durch die sensible Personenführung durch den Regisseur David Alden, der vieles nur andeutet, wie etwa die latente Homosexualität von Claggart und Vere. Paul Steinberg hat für diese Koproduktion der Deutschen Oper Berlin mit der English National Opera und dem Bolschoi Theater ein wunderbar stimmiges Bühnenbild geschaffen, die Innenseite einer rostigen Schiffswand als hintere Wand, einen schwarzen (Zeit-)Tunnel, durch welchen der alte Vere in der Erinnerung in seine strahlend weiße Kapitänskajüte auf der INDOMITABLE zurückkehrt. Neben den drei Protagonisten erfordert die Oper noch 16 weitere solistische Männerstimmen, welche vom Regisseur und der Kostümbildnerin auch innerhalb dieser Schiffsbesatzungswelt individuelles Profil bekommen. Sie alle gestalten ihre Rollen mit begeisternder Intensität. Fantastisch mit ihren profunden Bassbariton-Stimmen sind einmal mehr der vielseitig an der Deutschen Oper eingesetzte Seth Carico als Mr. Redburn, der dann auch den Vorsitz des Standgerichts übernehmen muss, Derek Walton (Mr.Flint) und Andrew Harris (Leutnant Ratcliffe). Besonders herzlichen, verdienten Applaus erhielt am Ende Lenus Carlson als Dansker, der gutmütige väterliche Freund Billys. Hervorragend gestaltet und singt Andrew Dickinson den Neuling, gequält bis aufs Blut von Claggart, später von diesem als Spitzel und Verleumder missbraucht und gar vergewaltigt, nachdem der schleimige Squeak (sehr gut interpretiert von Paul Kaufmann) in dieser Spitzel-Rolle in den Augen Claggerts kläglich versagt hatte.

Die Musik Brittens lag an diesem Abend in den Händen von Moritz Gnann, dem ehemaligen Kapellmeister und Assistenten von GMD Donald Runnicles an der Deutschen Oper Berlin und jetzigen Assistant Conductor beim Boston Symphony Orchestra. Und sie lag damit in ausgezeichneten Händen. Gnann legte die Vielschichtigkeit der Partitur, welche der Vielschichtigkeit der Vorlage in jeglicher Art gerecht wird, mit ungeheurer Spannkraft offen, machte Brittens geschickte Instrumentation mit transparentem Gesamtklang hörbar, vom Vogelgesang in Billys Wiegenlied bis zum deutlich in der Musik hörbaren letzten Röcheln des armen Jungen, wenn sich die Schlinge des Strangs zuzieht. Doch auch die dramatisch aufgepeitschteren Passagen erhielten ihren Platz in einer Vorstellung, die wahrlich zutiefst aufrüttelte. Vor dem Epilog, nach Billys Tod, erkennt die Mannschaft die Ungerechtigkeit. Doch jegliche Regung des Aufbegehrens der Unteren wird von den Schergen der Oberen gleich im Keim erstickt und niedergeknüppelt. Wie die unermüdlich an den Rumpf des Schiffes schlagenden Wellen, wiederholt sich das Machtgebaren – der kleine Mann, das Individuum, der Außenseiter, sie alle haben keine Chance im Kosmos der Herrschenden.

Inhalt:

Der alte Kapitän Vere erinnert sich an die Geschehnisse auf dem Kriegsschiff INDOMITABLE und an seinen Untergebenen Billy Budd:

Billy Budd, ein zwangsrekrutierter, hübscher, in Erregungszuständen stotternder Matrose, wird von den meisten geliebt, doch vom Master-at-Arms Claggert gehasst und schikaniert. Kapitän Vere, der für den jungen Matrosen mehr als blosse Zuneigung zu empfinden scheint, hält Billy jedoch für einen ehrlichen Seemann. Billy lässt sich nicht auf eine Meuterei ein, zu der er in tückischer Absicht überredet werden soll. Als Billy bemerkt, dass sein Gepäck durchsucht wurde, greift er zum Messer.

Da eine französische Fregatte gesichtet wurde, werden Gefechtsvorbereitungen getroffen. Nebel verunmöglicht jedoch Kampfhandlungen. Claggert klagt Billy beim Kapitän der Meuterei an. Vere besteht auf einer Gegenüberstellung. Billy verfällt ins Stottern. Seine Sprachlosigkeit zwingt ihn zu roher Gewalt, er trifft Claggert tödlich. Vor dem See-Kriegsgericht gesteht Billy die Tat. Gemäss Gesetz muss er hingerichtet werden. Die Mannschaft, die immer zu Billy gehalten hat, will aufbegehren, doch Billy Budd lässt sich mit dem Ruf Sternen-Vere, Gott schütze euch zur Hinrichtung führen.

Epilog: Den alten Kapitän quälen Selbstzweifel.

Werk:

Ein dramatisches, hochexplosives Kammerspiel in der stickigen, engen Atmosphäre einer reinen Männergesellschaft hat Britten mit BILLY BUDD komponiert. Das Meer, welches in Brittens Schaffen immer eine grosse Rolle spielte, verleiht in ausgedehnten Zwischenspielen der durchkomponierten Oper eine eindringliche, suggestive Kraft. Brittens Lebensgefährte, Peter Pears, sang in der Uraufführung die Rolle des Vere, Britten dirigierte selbst. Die Titelrolle sollte eigentlich von Geraint Evans gesungen werden, der sie jedoch zurück gab, da sie für ihn zu hoch lag. Er wurde durch Theodor Uppman ersetzt, welcher entscheidend zum grossen Erfolg des Werks beitrug. Viele grosse Baritone haben den Billy Budd seither erfolgreich verkörpert, u.a. Nathan Gunn, Rod Gilfry, Thomas Hampson, Simon Keenlyside und Bo Skovhus.

Karten

Für oper-aktuell: Kaspar Sannemann, den 26. Mai 2017 Gelesen: 690

Kategorie: Billy Budd
Keine Kommentare
Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*




CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.

*
*