Berlin, Deutsche Oper: AIDA, 22.11.2015 

Berlin, Deutsche Oper: AIDA, 22.11.2015

Oper in vier Akten | Musik: Giuseppe Verdi | Libretto: Antonio Ghislanzoni | Uraufführung: 24. Dezember 1871 in Kairo | Aufführungen in Berlin: 22.11. | 25.11. | 28.11. | 3.12. | 6.12. | 10.12.2015

Aida, Regie: Benedikt von Peter mit Tatiana Serjan in der Titelpartie, Premiere am 22.11.2015 Deutsche Oper Berlin, copyright: Marcus Lieberenz, mit freundlicher Genehmigung Deutsche Oper Berlin

Kritik: 

Spektakulär ist sie, diese Neuproduktion von Verdis AIDA an der Deutschen Oper Berlin – ein Spektakel natürlich nicht in der Art einer Ausstattungsorgie, wie sie von einem  durchschnittlichen Arena di Verona Besucher erwartet wird. (An solcherlei Tand bekunden bekanntermaßen gerade in deutschen Landen weder Regisseure noch Intendanten Interesse ... . ) Doch die Rauminstallation, welche Regisseur Benedikt von Peter in den Zuschauersaal und auf die Bühne der Deutschen Oper Berlin setzt, sorgt zumindest für ein klangliches Spektakel. Das Orchester wird aus dem Graben herausgeholt und auf der Bühne hinter einem Gazevorhang platziert. Über dem Orchestergraben und auf einem kleinen Laufsteg ins Parkett hinein agieren die drei Protagonisten Radames, Amneris und Aida, die restlichen Sänger singen aus dem Dunkel der Ränge und der Logen, der Chor ist im gesamten Zuschauerraum verteilt, wird Teil des Publikums und somit wird das Publikum mitten in die intimen „Szenen einer Ehe“ miteinbezogen, als voyeuristische Beobachter des Scheiterns eines Antihelden. Die karg möblierte Vorbühne (Katrin Wittig ist dafür verantwortlich) besteht aus einem zugemüllten Schreibtisch, dessen Ablagefläche wir mithilfe einer Videokamera und einer großen Leinwand genau beobachten können, zwei Stühlen und einer ganzen Batterie von Monitoren, auf denen unheimliche, erstarrte Fratzen zu sehen sind – und manchmal natürlich der Dirigent, denn schließlich müssen die Einsätze der Sänger und Choristen im Saal koordiniert werden.

In dieser kargen „Wohnung“ also haust das Paar Amneris – Radames, sie im königsblauen Hausfrauen-Look, er bebrillt im schwarzen Nerd-Look (die Kostümbildnerin Lene Schwind hatte also nicht so viel Arbeit, da der Chor und die restlichen Protagonisten natürlich in Schwarz bleiben mussten). Die äthiopische Königstochter Aida ist keine Sklavin in diesem Haushalt, sondern sie ist das Gespenst, die Dame Blanche, welche in diesem Haus umgeht und von der Radames richtiggehend besessen ist. Seine Obsession macht sich an einem weißen Kleid (Brautkleid?) fest, das er schon während des Vorspiels an sich drückt. Amneris versucht immer wieder, ihm dieses Kleid zu entreißen, ihn auf den Boden der Realität zurückzuholen, vergeblich. Selbst als sie es in Fetzen reißt und damit einen lächerlichen Bogen für den Triumphmarsch konstruiert, kann sie Radames nicht aus seinen Träumen reißen. Auf seinem Schreibtisch sucht er immer wieder Zuflucht zu einer vergilbten Fotografie mit Pyramiden und Palmen, seine Hand gleitet über eine Landkarte Ägyptens, sucht zwischen alten Büchern über das Land am Nil nach der vergilbten Ansichtskarte. Amneris setzt ausgeklügelte Mittel ein, um ihn zurückzuholen, ihn wieder für sie zu interessieren, ihm die Lächerlichkeit seines Verhaltens aufzuzeigen: Sie setzt sich eine ägyptische Papierkrone auf, die sie hastig aus Zeitungen faltet, zieht Aidas Kleid an, reißt Bilder von Flüchtlingen und Gefangenen aus der FAZ und klebt sie an seinen Pullover (für die Szene im Finale II, in welcher Radames den König um Gnade für die gefangenen Äthiopier bittet), ja sie will ihn gar mit Hilfe eines Cholesterinschocks kurieren, indem sie ihrem Radames dick mit Butter bestrichene Wurststullen reicht und dem infantilen Antihelden gar die Serviette um den Hals bindet – es hilft alles nichts. Frustriert reißt sie nach seinem Verrat (an wem eigentlich?) im dritten Akt die Leinwand herunter, doch Radames nimmt seine Bücher und eine Kerze mit in sein Verlies, das hier nichts anderes als der Laufsteg ist und lauscht von da aus Aidas Stimme, die diesmal von ganz weit oben zu ihm schallt. Zu einer eigentlichen Begegnung mit der Angebeteten kommt es nie, ein Kuss findet nur in der Fantasie von Radames statt. Aida bleibt das amorphe weiße Gespenst, von Radames Besitz ergreifend, für Amneris unfassbar. Das mag jetzt alles weit hergeholt, ja geradezu lächerlich klingen für ein Inszenierungskonzept der AIDA, ist es aber eigentlich nicht. Denn wer hat das in seiner Beziehung nicht schon erlebt, dass eine Dritte, ein Dritter (und sei es auch nur ein Phantom) die Partnerschaft bedroht – und Benedikt von Peter rechtfertigt seine Sichtweise auf das Werk mit den autobiographischen Bezügen, welche er in Verdis AIDA entdeckt hat: Zur Zeit der Komposition und in den Jahren danach ging die Sängerin Teresa Stolz in Verdis Haus ein und aus, sehr zum Missfallen von Verdis Gemahlin Giuseppina Strepponi. Sie führten also quasi eine Art Ménage à trois, und eine solche zeigt uns auch diese Neuproduktion an der Deutschen Oper Berlin. Dass diese nicht nach dem Gusto eines großen Teils der Premierenbesucher ausfiel, war denn auch nicht weiter erstaunlich. Sicher, das Konzept hat seine Brüche und in gewissen Szenen auch offensichtliche Schwächen (aber welches Original-Libretto ist schon davor gefeit?) und doch hat diese Lesart ihre Meriten und vor allem führt die Rauminstallation zu klanglichen Überraschungen. An erster Stelle ist die Leistung des Orchesters der Deutschen Oper Berlin zu erwähnen, welches unter der Leitung des mit raumgreifenden Bewegungen (wohl gezwungenermaßen, da sonst die Koordination nicht zu bewerkstelligen gewesen wäre) agierenden Dirigenten Andrea Battistoni steht. Nur schon das Vorspiel mit dem zarten Streichermotiv ist ein Traum. Im weiteren Verlauf des Abends werden so viele Klangfarben und interessante Nebenstimmen hörbar, die man bei traditioneller Positionierung des Orchesters im Graben kaum wahrnimmt. Imposant auch die Leistung der Chöre (Einstudierung William Spaulding), martialisch bis geisterhaft entrückt klingend; je nach Sitzplatz bietet sich natürlich ein anderes Klangbild, die einen sitzen näher oder neben einem Sopran I, andere haben das Vergnügen, die zweite Bassstimme am Ohr zu haben.  Auf der Bühne agieren wie gesagt nur drei Menschen. Die Amneris von Anna Smirnova mit fulminant funkelndem Mezzosopran und tief beeindruckender Gestaltung der Gerichtsszene, die Aida von Tatjana Serjan, welche neben wunderschön ätherischen Piani (Numi pietà und Schlussduett) auch durchaus diesseitige, durch Mark und Bein fahrende Kantilenen erklingen lässt und der Radames von Alfred Kim, dessen ebenmäßig fokussierter Tenor manchmal eine leichte Tendenz zur Larmoyanz aufweist, was aber wiederum gut zur Rolle des leicht debilen Träumers hier passt. Fantastisch die beiden Bässe Ante Jerkunica (König) und Simon Lim (Ramfis), welche sich durch die leicht unterschiedlich gefärbte Schwärze ihrer Stimmen sehr gut voneinander abheben (vor allem da man sie aus dem Parkett heraus nicht sehen kann). Mit wunderschönem Balsam in der Stimme singt Markus Brück den Amonasro bei seinem ersten Auftritt im zweiten Akt, um dann im dritten Akt, wenn er seine Gespenst-Tochter Aida aus dem Off bedroht, rauer und fordernder zu klingen. Attillo Glaser singt einen geradezu sensationell guten Messaggero und Adriana Ferfezka bereichert das Klangbild mit den wunderschöne Kantilenen der Sacerdotessa.

Fazit: Ungewöhnliche szenische Lesart, auf die man sich einlassen wollen muss, die dann aber durchaus ihre spannenden und interessanten Aspekte hat, klanglich ein überwältigendes Surround-Sound Erlebnis

Werk:

Trotz aller Arenatauglichkeit ist Verdis drittletzte Oper weniger ein Massenspektakel, eher ein intimes Kammerspiel mit einigen effektreichen Massenszenen (der gewaltige Triumphmarsch am Ende des zweiten Aktes mit seiner Zusammenführung der im Verlauf des Werks leitmotivartig verarbeiteten Themen). Pikante Kolorierungen exotischen Einschlags und Versuche, ein durchkomponiertes Musikdrama zu schaffen, vermögen nicht darüber hinwegzutäuschen, dass es sich bei AIDA um eine durch und durch italienische Nummern-Oper handelt. Verdi hat dem Orchester allerdings eine wichtige Aufgabe zugeschrieben, gegenüber früheren Werken ist die Eigenständigkeit des Orchesterparts gewaltig gesteigert und unterstützt so die Singstimmen in ihrer Darstellung der Gefühle und Leidenschaften und malt eindrucksvolle Stimmungsbilder (z. B. als Einleitung zur Nilarie).

AIDA war weder die Eröffnungsoper der Kairoer Oper (das war RIGOLETTO) noch wurde sie zur Eröffnung des Suez-Kanals (1869) gespielt, wie oft fälschlicherweise kolportiert wird. Sie war jedoch ein Auftragswerk des Opernenthusiasten Ismail Pascha, Khedive von Ägypten. Verdi begeisterte sich schnell für das exotische Sujet und kam auch dem Wunsch des ägyptischen Vizekönigs nach, die Uraufführung (gegen eine exorbitante Gage notabene) in Kairo stattfinden zu lassen. Diese musste jedoch wegen der Wirren des Deutsch-Französischen Krieges um beinahe ein Jahr verschoben werden. AIDA gehört seither ununterbrochen zu den Stützen des Repertoires und ist ein Garant für volle Kassen. Die Oper bietet zudem dankbare Paraderollen für Soprane und Mezzosoprane. Bekannte Interpretinnen der Aida wurden u.a. Maria Chiara, Maria Callas, Leontyne Price, Montserrat Caballé, Birgit Nilsson; die Rolle der Amneris wurde durch Grace Bumbry, Elena Obratzsova, Fiorenza Cossotto, Fedora Barbieri, Giulietta Simionato u.a. exemplarisch geprägt.

Inhalt:

Aida lebt als Sklavin des äthiopischen Königs am Hof der ägyptischen Pharaonen. Doch ist dort ihre königliche Abstammung nicht bekannt. Sie hat ein inniges Liebesverhältnis mit dem ägyptischen Feldherrn Radames. Durch einen fiesen Schachzug kommt die Pharaonentochter Amneris hinter das Geheimnis. Da sie ebenfalls in Radames verliebt ist, bricht die Rivalität zwischen den beiden offen aus. Radames kommt erfolgreich aus einem Feldzug gegen die Äthiopier zurück. Unter den Gefangenen befindet sich auch Aidas Vater Amonasro. Er verlangt von Aida, dass sie Radames strategische Geheimnisse entlocke. Nach einigem Zögern willigt Aida ein. Als Radames seinen Vaterlandsverrat erkennt, ist es bereits zu spät. Amneris und der Hohepriester Ramphis überraschen die drei. Aida kann noch fliehen, Amonasro fällt. Radames wird verhaftet und des Hochverrats angeklagt. Er wird nach dem Prozess lebendig begraben. Aida hat sich in sein Grab geschmuggelt. Gemeinsam nehmen sie Abschied von der Welt. Amneris betet über dem Grab zu Isis, Radames' Seele möge in Frieden ruhen.

Musikalische Höhepunkte:

Celeste Aida, Arie des Radames, Akt I (mit dem gefürchtenten, pianissimo zu singenden hohen B am Ende)

Ritorna vincitor, Arie der Aida, Akt I

Vieni, sul crin ti poivano …, Amneris-Aida, Akt II

Gloria al Egitto, Triumphmarsch und Finale Akt II

O patria mia, Arie der Aida, Akt III (Nilarie)

Gerichtsszene, Amneris-Radames-Ramfis-Priester, Akt IV

O terra, addio, Duett Aida-Radames, mit Gebet der Amneris Akt IV

Karten

Für oper-aktuell: Kaspar Sannemann, den 22. November 2015 Gelesen: 1725

Franz, 11-01-16 10:07:
Bin mit meiner Frau von Stuttgart nach Berlin gefahren und waren so positiv überrascht, daß wir eine Woche später nochmals zur letzten Vorstellung gefahren sind. Es war mit Abstand die beste Aida, die wir in über 40 Jahren gehört und gesehen haben. Vor allem der musikalische Eindruck war überwältigend und hat das Stück von dem sentimentalen "Nilgeruch" befreit. Man sollte die Aufführung allerdings mehrmals und von verschiedenen Plätzen sehen und hören.
Michael, 23-11-15 07:30:
Wir wollten uns gestern (22.11.2015) einen schönen Premiereabend in der Deutschen Oper machen und AIDA genießen. Wohl wissend, dass es eine etwas modernere Inszenierung werden würde. Was dann aber, rein Bühnenbildtechnisch, kam, war wirklich nicht schön. Vorweg sei gesagt, dass das Orchester, die Darsteller, also die Stimmen und natürlich die Musik wirklich sehr schön waren. Aber das Bühnenbild ging aus unserer Sicht gar nicht. Sehr düster, dann werden belegte Brote geschmiert, der Held wandert traurig, ja fast lustlos über die Bühne, AIDA suhlt sich ständig auf dem Boden - Respekt, dass da noch gesungen werden kann - und viele Dartseller sind aus dem zweiten Rang leider nicht zu sehen. Die IDee, dass das Orchester, der Chor mitten im Publikum sitzen, prima, leider sind die dünnen Leinwände so sünn, dass man nichts erkennen kann. Sehr schade. Dafür haben wir dann 51 Euro pro Karte bezahlt. Naja. Wir sind dann in der Pause gegangen. Wir sind der Meinung, dass diese Inszenierung den Dartsellern nicht gerecht wird.
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