Basel: ELEKTRA, 12.01.2018 

Basel: ELEKTRA, 12.01.2018

Tragödie in einem Aufzug | Musik: Richard Strauss | Libretto: Hugo von Hofmannsthal | Uraufführung: 25. Januar 1909 in Dresden | Aufführungen in Basel: 12.1. | 15.1. | 18.1. | 21.1. | 26.1. | 1.2. | 16.2. | 3.3. | 13.3. | 21.3. | 8.4. | 23.4.2018

copyright: Sandra Then, mit freundlicher Genehmigung Theater Basel

Kritik:

Unzählige Male taucht es in Hugo von Hofmannsthals Text auf, das Wort „Blut“ - und so bestimmt dieser Lebens- und Todessaft auch die Bühne, welche Patrick Bannwart und Maria Wolgast für David Böschs Inszenierung von Richard Strauss' Oper ELEKTRA am Theater Basel entworfen haben (Koproduktion mit der Opera Vlaanderen und dem Aalto Theater Essen). Die gigantische Bühne ähnelt einer Metzgerwanne im Schlachthaus, eingetrocknete Blutströme an den Wänden, der Boden ist auch durch die immerfort schrubbenden Mägde nie mehr sauber zu kriegen. Verloren stehen Möbel eines Kinderzimmers herum, drei Kinderstühle mit den Anfangsbuchstaben der Agamemnon-Sprösslinge versehen, ein Kinderbett, Orests Schaukelpferd. Daneben aber auch Altarkerzen, das Porträt des Vaters Agamemnon, welches Elektra wie eine Reliquie hütet, und an die Rückwand hat Elektra mit riesigen Buchstaben die Frage „Mama, where is Papa?“ ins getrocknete Blut eingeritzt. In seiner Inszenierung zeigt David Bösch deutlich, wie psychisch verkümmert und angeschlagen alle drei Geschwister geworden sind, seit sie die Ermordung ihres Vaters durch die Mutter Klytämnestra und deren neuen smarten Lover Aegisth mitansehen mussten. Emotional sind sie alle drei im Kindesalter stecken geblieben, besonders Elektra. Sie, nun junge Frau geworden, hüpft immer noch auf dem Bettchen herum wie ein Kleinkind, klatscht in die Hände, vollführt Tänzchen, unterliegt extremen Stimmungsschwankungen und manischen Zwangshandlungen (Cutting). Nur in der Szene mit Klytämnestra wächst sie aus sich heraus, wird sarkastisch (toll gemacht wie sie lauthals herauspustet, als Klytämnestra fragt, ob das Opfer „erkannt“ sein müsse vom Manne). Doch auch ihre Schwester Chrysothemis ist noch nicht erwachsen geworden, obwohl sie sich nach dem „Weiberschicksal“ sehnt, d.h. Mutter werden will. Sie läuft im zartblauen Girlie-Kostüm herum (Kostüme: Meentje Nielsen), mit weissen Söckchen und Mädchenschühchen. Und Orest, den Elektra als rächenden Held herbeisehnt? Nun, davon ist er weit entfernt. Im zerschlissenen Kapuzenmantel taucht er auf, den Kopf meist bedeckt, eine durch und durch gebrochene, traumatisierte Figur, wie eine Marionette gesteuert. Kein Wunder schneidet er sich nach den vollbrachten Rachemorden die Pulsadern auf, er kann mit der Blutschuld nicht leben (das zeigte auch Trojahn in seiner Oper OREST, welche letzte Saison in Zürich zu erleben war). Das Ende wird also durch den Regisseur leicht abgeändert: Orest ist nun wirklich tot, die finalen „Orest! Orest!“ - Rufe von Chrysothemis erhalten so eine ganz neue Bedeutung. Elektra hingegen fällt nach ihrem Triumphtanz nicht zusammen, sondern bleibt in Schreckensstarre stehen, Orests Messer in der Hand. Der Vorhang fällt. Was wird aus Elektra werden? Wo wird sie bleiben?

Hervorragend gelungen ist der Auftritt der Klytämnestra: Sobald sie erscheint, fallen gehäutete Tierkadaver vom Bühnenhimmel, sie verbindet sich mit Schläuchen mit diesen Kadavern, wie um frisches Blut in ihren Körper zu pumpen, das schuldige eigene Blut durch eine Infusion mit unschuldigem auszutauschen. Wenn sie dann offstage ermordet wird, fliesst Blut in Strömen an den Wänden. Blut klebt auch an allen Kleidern, an denen der Mägde, an Elektras Nachthemd, an Aegisth, wenn ihm mit dekorativ entblösster Brust von Orest auf offener Bühne die Kehle durchgeschnitten wird. Mit Blut (wahrscheinlich von Agamemnon, von Elektra als weitere Reliquie unter dem Bett in einem Topf aufbewahrt) beschmiert sich Elektra, beschmiert damit ihren Bruder, eine veritable Blutsbrüderschaft mit Vaters Blut. Aus diesem Bluttopf werfen die Schwestern nach der Ermordung der Mutter und Aegisths aber auch Silberglitter, ja vom Bühnenhimmel regnet es zum Freudentanz und dem Duett Chrysothemis-Elektra silbernen Glimmer und Glitter (Elektra: „Ich habe Finsternis gesät und ernte Lust über Lust“), so als ob einer bei Günther Jauchs „Wer wird Millionär“ die Millionenfrage richtig beantwortet hätte. Insgesamt ist Böschs Inszenierung schlüssig, textgenau (bis auf das Ende), psychologisch nachvollziehbar – und doch bleibt ein gewisser schaler Nachgeschmack, denn wirklich berühren oder erschüttern kann sie nicht, es ist wie bei einem drittklassigen Horrorfilm – man schaudert kurz, wird dann aber durch das viele Blut schnell mal etwas abgestumpft und beginnt sich innerlich zu distanzieren.

Was man allerdings in Basel zu hören bekommt, ist ganz grosse Klasse. Vor allem das Sinfonieorchester Basel unter der Leitung von Erik Nielsen leistet Erstaunliches: Obwohl quasi die riesige Originalbesetzung aufgefahren wird (kleine Reduzierung bei den Streichern) - aber immer noch acht Klarinetten, fünf Tuben, vier Posaunen, sieben Trompeten, wie Nielsen im Programmheft schreibt - wird dieser Riesenapparat so im Zaum gehalten, dass von den Sänger_innen jedes Wort zu verstehen ist. Dabei verliert der Orchesterklang jedoch nichts an gleissender Farbenpracht, an Auskosten der bis an die Grenzen der Tonalität reichenden Wucht, aber auch die zarten, tänzerischen Sequenzen werden mit berührender Empfindsamkeit evoziert.

Natürlich steht die Interpretin der Titelpartie ganz im Zentrum. Rachel Nicholls findet an diesem Abend schnell in die Partie (einzig der erste Monolog „Allein! Weh, ganz allein! war durch Intonationstrübungen und Vokalverfärbungen noch etwas gefährdet), sie singt sich zusehendes frei, verfügt über die notwendigen Kraftreserven, die auch am Ende noch bei weitem nicht erschöpft scheinen. Grossartig ist ihr Spiel, bei dem sie sowohl das Trotzige, Kleinkindliche und Störrische, als auch das das Bissige und Sarkastische der Figur wirkungsvoll umsetzen kann. Ganz wunderbar gelungen ist ihr die fast schon schwankhafte Begrüssung des heimkehrenden Aegisth. Eine Offenbarung ist Pauliina Linnosaari als Chrysothemis: Klar, ihr wurden von Strauss die warmen, die silbernen Phrasen in die Kehle geschrieben, aber wie Frau Linnosaari diese umsetzt, das ist ganz grosse Gesangskunst. Auch wenn sie gegen Riesenwogen des Orchesters ansingen muss, verliert sie nie die Stimmkontrolle, bleibt blühend und fokussiert, lässt die Töne herrlich warm und strahlend schweben. Eindringlich gestaltet Ursula Hessen von den Steinen die Klytämnestra, zeichnet ein intensives Porträt dieser von Ängsten und Schlaflosigkeit getriebenen Frau, wirkt in keinem Moment keifend oder übermässig hysterisch, ihre Diktion geradezu exemplarisch. Dies ist auch beim Orest von Michael Kupfer-Radecky der Fall, welcher den gebrochenen Helden wie in Trance darstellt, seinem kernigen Bariton immer wieder auch warme Farben verleihen kann (Erkennungsszene). Rolf Romei ist ein umwerfend guter Aegisth mit fantastischer Stimme und grandioser Bühnenpräsenz und man bedauert fast, dass er von Strauss nicht mit einer grösseren Partie bedacht worden war. Perfekt besetzt sind in Basel auch die Mägde (Sofia Pavone, Anastasia Bickel, Kristina Stanek, Sarah Brady und Jessica Murihead). Besonders Sarah Brady (sie singt auch die Schleppenträgerin) und Jessica Muirhead lassen mit interessanten Timbres aufhorchen. Die Aufseherin (Mona Somm) gleicht einer strengen Erzieherin aus einem Heim für ungezogene Mädchen aus den Fünfzigerjahren. Karel Martin Ludovik (Pfleger des Orest), Evelyn Meier (Vertraute Klytämenstras), Matthew Swensen (junger Diener) und José Coca Loza (alter Diener) ergänzen das hervorragende Ensemble mit ihren tollen Leistungen.

Von der Farbe Rot ist man nun für eine Weile gesättigt – von Strauss' süchtig machenden Klängen kann man nie genug kriegen!

Fazit: Empfehlenswert!

Inhalt der Oper:

Elektra lebt als Verstossene und Aussenseiterin bei den Hunden im Hof des Palastes von Mykene. Nur der Gedanke, die Ermordung ihres Vaters Agamemnon durch ihre Mutter Klytämnestra und deren Geliebten Aegisth zu rächen, erhält sie am Leben. Sie hofft auf die Rückkehr ihres Bruders Orest, um ihren mörderischen Plan zu verwirklichen. Ihre Schwester Chrysothemis, welche vor der schrecklichen Vergangenheit die Augen verschliessen möchte und sich nach einem normalen „Weiberschicksal“ sehnt, ist ihr keine Hilfe.

Klytämnestra wird von Gewissensbissen heimgesucht, sie hat „keine guten Nächte“. Sie begibt sich zu Elektra, sucht die Nähe ihrer Tochter und Hilfe zur Vertreibung der Dämonen durch Elektras Heilkünste, doch wird sie von Elektra verspottet und gedemütigt. Als Klytämnestra die Nachricht des - vermeintlichen - Todes von Orest ans Ohr dringt, lacht sie erleichtert auf. Elektra ist verstört. Selbst als Orest, welcher absichtlich die Nachricht seines Todes verbreiten liess, erscheint, erkennt ihn die eigene Schwester vorerst nicht. Orest dringt in den Palast ein und erschlägt seine Mutter. Elektra leuchtet Aegisth den Weg in den Palast, wo er ebenfalls von Orest ermordet wird. Chrysothemis meldet den Tod des usurpatorischen Herrscherpaares und die Rückkehr des tot geglaubten Bruders. Elektra beginnt einen ekstatischen Tanz des Triumphes auf dessen Höhepunkt sie tot zusammenbricht. Chrysothemis ruft nach Orest.

Werk:

Mit ELEKTRA ging der Klangmagier Richard Strauss noch einen Schritt weiter als mit der vorangehenden SALOME: Der Orchesterapparat ist gigantisch (111 MusikerInnen werden gefordert), die Leitmotive werden zu dichten Blöcken gefügt, die Grenzen der Tonalität immer wieder getestet und zum Teil gesprengt. Strauss schaffte es, mit dem Riesenapparat eine geradezu elektrisch aufgeladene Spannung zu erzeugen, welche an Intensität bis zum erlösenden, ekstatischen Schlusstanz in triumphierendem C-Dur ständig zulegt. Die an kompositorischem Raffinement kaum zu überbietende Partitur lebt vom Kontrast des Kammerspiels mit einem immer wieder quasi entfesselt auftrumpfenden Orchester. Süssliche Klänge (Walzer der Chrysothemis), tonmalerische Klänge und extreme dynamische Steigerungen (Elektra) wechseln mit herben Dissonanzen und Bitonalität (Klytämnestra). An die drei Frauenpartien werden höchste Anforderungen gestellt.

Berühmte Interpretinnen der Titelpartie waren u.a.: Anny Konetzni, Erna Schlüter, Inge Borkh, Astrid Varnay, Christel Goltz, Birgit Nilsson, Ingrid Bjoner, Dame Gwyneth Jones (unvergessen ihre Auftritte in Genf), Deborah Polaski und Pauline Tinsley.

Der Fluch der Atriden

In Mykene lebten zwei königliche Brüder, Atreus und Thyestes. Thyestes schlief mit Atreus Gemahlin. Nach Entdeckung des Seitensprungs seiner Gemahlin setzte Atreus die aus der ausserehelichen Beziehung entsprungenen Söhne seiner Frau und seinem Bruder zum Frass vor und vertrieb Thyestes. Als Strafe verhängten die Götter dem Reich des Atreus eine Dürreperiode, die erst zu Ende ginge, wenn Atreus seinen Bruder zurückkehren liesse. Unterdessen hatte Thyestes aber mit seiner eigenen Tochter einen „Rächer“ gezeugt, den Aigisth, der unerkannt am Hofe des Atreus aufwuchs und eigentlich von Atreus dazu ausersehen war, den Thyestes nach dessen Rückkehr zu ermorden. Stattdessen erschlug Aigisth seinen Onkel Atreus.
Die Söhne des Atreus, Agamemnon und Menelaos, mussten bald darauf in den Trojanischen Krieg ziehen, um die Gattin des Menelaos, Helena, zu befreien. Um günstigen Wind für seine Flotte zu erhalten, opferte Agamemnon seine Tochter Iphigenie, zum Entsetzen seiner Gemahlin Klytämnestra. Aus Trauer, Wut und Rache über den (vermeintlichen) Opfertod ihrer Tochter gab sich Klytämnestra Agamemnons Erzfeind Aigisth hin. Nach Agamemnons Rückkehr aus Troja (mit der Seherin Cassandra) wurde dieser von seiner Frau und Aigisth im Bade ermordet. Elektra, die Tochter Agamemnons und Klytämnestras, schwor Rache. Ihr Bruder Orest wurde von ihr angefeuert, die Mutter und deren Liebhaber umzubringen.
Die Erinnyen (Rachegöttinnen) verfolgten den Muttermörder. Orest konnte sich vom Fluch, der auf seinem Geschlecht lag, nur durch einen Diebstahl, den er im Tempel von Tauris begehen sollte, befreien. Dort traf er auf seine tot geglaubte Schwester Iphigenie, die jeden ankommenden Fremdling ermorden musste. Noch rechtzeitig erkannte Iphigenie in dem Fremden ihren Bruder und gemeinsam gelang ihnen die glückliche Rückkehr nach Griechenland.

Musikalische Höhepunkte:

Allein! Weh, ganz allein!, Monolog der Elektra

Ich kann nicht sitzen und ins Dunkel starren, Chrysothemis-Elektra

Ich habe keine guten Nächte, Szene Klytämnestra-Elektra

Orest, Erkennungsszene Elektra-Orest

Ob ich nicht höre – Schweig und tanze, Schlussszene Elektra-Chrysothemis

Karten

Für oper-aktuell: Kaspar Sannemann, den 12. Januar 2018 Gelesen: 781

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