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Willkommen in der Welt der Oper

Auf dieser Seite finden Sie Kritiken meiner Opern- und Konzertbesuche und bekommen Informationen rund um Spielpläne und Opernhäuser (vorwiegend aus der Schweiz und aus Deutschland). Die Premierenberichte erscheinen wann immer möglich am Tag nach der Premiere und damit in aller Regel vor den Printmedien. Kommentare und eigene Eindrücke von BesucherInnen dieser Seite sind ausdrücklich erwünscht. Ich wünsche allen viele unvergessliche, spannende und aufwühlende Opernbesuche. 

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St.Gallen: DIE GEZEICHNETEN, 16.09.2017

Oper in drei Akten | Musik: Franz Schreker | Libretto vom Komponisten, nach Frank Wedekinds HIDALLA | Uraufführung: 18. April 1918 in Frankfurt/Main | Aufführungen in St.Gallen: 16.9. | 24.9. | 4.10. | 8.10. | 31.10. | 7.11. | 25.11.2017

Franz Schreker

Kritik: erscheint am 17.9. ab 13 Uhr an dieser Stelle

 

Inhalt:

Ort: Genua, 16. Jahrhundert

Der reiche, verkrüppelte Adriano Salvago hat in seinem Palast alle Spiegel verhängt. Er kann den Anblick seines hässlichen Äusseren nicht mehr ertragen. Sein Verlangen nach jugendlicher Schönheit indessen ist ungebrochen. Er hat deshalb eine künstliche Insel vor der Küste als Elysium, als Lustgarten, gestaltet. Selbst jedoch besucht er dieses Paradies nie. Nun muss er zu seinem Entsetzen erfahren, dass das Eiland von der Jeuness d'Orée der Stadt für Orgien missbraucht wird. Dorhin entführen die Adligen der Stadt junge Frauen und verführen sie in der Lustgrotte der Insel. Die Mädchen kehren nie wieder zurück, in der Stadt herrschen Furcht und Verzweiflung ob des Verschwindens der Bürgertöchter. Alviano nun beschliesst, die Insel dem genuesischen Volk zu schenken. Die Nobili fürchten die Entdeckung ihrer Schandtaten. Ihr Anführer, Tamare Vitelozzo, hat aber inzwischen eine unbekannte Schöne getroffen. Als die Schenkung Alvianos notariell vollzogen werden soll, erkennt Tamare in der Tochter von Senator Podestà Nardi, Carlotta, die Unbekannte. Sie indes weist ihn ab. Der gedungene Mörder Pietro trifft auf die Haushälterin Alvianos, Martuccia. Sie soll die entführte Ginevra Scotti im Palast Alvianos verstecken. Unterdessen sind sich beim Empfang alviano und Carlotta näher gekommen. Die herzkranke, sehr sensible Carlotta bittet Alviano, für sie Modell zu stehen. Sie hat die Gabe, das Innere eines Menschen zu erkennen und die Schönheit der Seele Alvianos erkannt. Dies will sie in einem Porträt herausarbeiten. Nach einigem Zögern willigt Alviano ein.

Der herzog von Genua, Adorno, zögert, der Schenkungsidee mit der Insel zuzustimmen. Von Tamare erfährt der Herzog vom schändlichen Treiben der Nobili auf der Insel – und von Tamares Schwärmen für Carlotta. Er verspricht Tamare, sich bei Podestà für sein Begehren einzusetzen. Das Elysium dagegen stellt er unter Bann.

Carlotta malt Alviano in ihrem Atelier. Sie gestehen sich ihre Liebe. Der Herzog tritt dazu mit der Liebeswerbung für Tamare.

Die Bürger Genuas betreten die Insel und bestaunen ihre Schönheit. Alviano wirbt bei Podestà um Carlotta. Diese weicht ihm aus. Sie lässt sich von Tamare zur Liebesgrotte führen und gibt sich ihm hin. Unterdessen jubelt das Volk Alviano zu. Da wird die Entführung Ginevra Scottis ruchbar. Die Adligen um Tamare versuchen, Alviano der Entführung zu bezichtigen. Alviano flüchtet in die Grotte. Dort findet er Carlotta bewusstlos in einem Bett, an ihrer Seite der sich mit seiner Eroberung brüstende Tamare. Alviano ersticht Tamare in höchster Erregung. Carlotta erwacht und ruft nach Tamare, mit dem zusammen sie sterben möchte. Alviano taumelt als Irrer davon.


Werk:

Franz Schreker (1878 – 1934) galt in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts neben Richard Strauss als bedeutendster Opernkomponist in der Nachfolge Wagners. Seine musikalische Sprache ist stark spätromantisch-sinnlich geprägt, weist aber auch starke expressionistische Züge auf. Schreker war stark von den Schriften und Erkenntnissen Sigmund Freuds beeinflusst und zeichnete in seinen symbolistischen, selbst verfassten Libretti schillernde und oft auch brutal schonungslose Charakterstudien seiner Portagonisten und der Gesellschaft. Als Jude wurde er von den Nationalsozialisten schon vor deren Machtantritt diffamiert und seine Werke als „entartet“ klassiert. Er verlor nach 1933 seine Stellung als Direktor der Musikhochschule in Berlin und sein Amt an der Preussischen Akademie der Künste. Seine Pensionsansprüche wurden gestrichen. Geplagt von existentiellen Nöten (da auch seine Werke nicht mehr aufgeführt wurden) erlitt er kurz vor seinem 56. Geburtstag einen tödlichen Herzinfarkt. Nach 1945 wurden Schrekers einstmals so erfolgreiche Opern (sie übertrafen teilweise die Aufführungszahlen von Strauss' Meisterwerken) nur sehr zögerlich wiederentdeckt. DIE GEZEICHNETEN z.B. erlebten ihre Schweizer Erstaufführung erst 1992 in einer arg verstümmelten Version am Opernhaus Zürich. Immerhin sind seither bedeutende Produktionen in Stuttgart, Salzburg und Lyon zu erleben gewesen. München folgt im Juli 2017.

Ursprünglich beabsichtigte Schreker nur auf Drängen seines Komponisten-Kollegen Alexander von Zemlinsky ein Libretto zu verfassen, das die Tragödie der Hässlichkeit eines Mannes zum Thema machte. Doch je mehr sich Schreker in das Thema vertiefte, desto stärker reifte in ihm das Bedürfnis, seinen text selbst zu vertonen. Zemlinsky überliess ihm diese Aufgabe in grosszügiger Weise. (Zemlinsky schuf aber dann mit seinen Einaktern EINE FLORENTINISCHE TRAGÖDIE und DER ZWERG bedeutende Werke, die um die selbe Thematik kreisen.) Unter der Folie der italienischen Renaissance gelang Franz Schreker mit DIE GEZEICHNETEN ein verstörendes Bild der Menschen zwischen künstlerischem (appollinischem) Anspruch und wolllüstigem (dionysischen) Genuss. Der immerwährende – unmögliche, weil zu komplexe - Spagat zwischen geistigem Streben nach Vollkommenheit und fleischlicher Begierde erhält in diesem Werk durch Schrekers unnachahmliche Klangmagie betörend sinnlichen Ausdruck.

Karten



Für oper-aktuell: Kaspar Sannemann, den 16. September 2017 Gelesen: 53

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Kategorie: Die Gezeichneten